• S.

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    PROF. DR. FREUD        WIEN, IX. BERGGASSE 19.

    Lieber Freund
    Gestern habe ich Ihre Arbeit fürs Jahrbuch
    gelesen u darf mich nicht zurückhalten,
    Ihnen dazu zu gratulieren. Ich meine, es
    ist der beste klinische Beitrag, der je
    in den 5 Bänden gestanden ist, unerreicht
    an Sicherheit, Korrektheit, Vielseitig-
    keit u Interesse. Vivant sequentes!
    Rank wird Ihnen von den nächsten polit-
    ischen Interessen geschrieben haben, die
    uns jetzt beschäftigen. Ich teile Ihre Zu-
    versicht nicht, daß die Züricher mit dem
    Münchner Anhängsel vor dem Kongreß
    austreten werden. Jedenfalls bleibt
    es unsicher u stört unsere Vorbereitungen
    für denselben, die im Falle ihrer Gegen-
    wart doch andere sein müssen als im
    Gegenfalle, wo wir friedlich unter
    uns sein können.
    Ich werde nun noch einen Versuch machen,
    uns die in Rede stehenden Schwierig-
    keiten zu ersparen. Für Montag habe
    ich Deuticke bestellt, von dem ich ver-
    langen werde, daß er meinen polemischen
    Geschichtsbeitrag vor allem anderen
    umbrechen und abziehen lasse,

  • S.

    so daß die S.A. noch vor Juli verschickt werden
    können. (Daß das Jahrb so früh erscheinen
    kann, halte ich wie Sie für unwahrschein-
    lich.) Hoffentlich ist die Redaktion mit
    dieser Bevorzugung einverstanden. Mit
    der Versendung werde ich natürlich sehr
    freigebig sein. Der Vorteil dabei wäre,
    daß wir schon über die Reaktion der
    Schweizer unterrichtet sein könnten,
    ehe Sie die Anfragen wegen des Kon-
    gresses aussenden.
    Ein anderer Weg wäre, daß Sie an Maeder
    u Seif die direkte Frage (zur Zeit) Brichten,
    ob ihre Gruppen teilzunehmen gedenken,
    u die Motivierung, es handle sich um Be-
    stimmung des Diskussionsthemas, dabei
    ausdrücklich erwähnen.
    Als solches denke ich mir „Zwecke u Ziele
    einer ψa Vereinigung“, um die Existenz
    des Vereines zu recht fertigen, die Ein-
    wendungen in bezug auf die Einschränkung
    der wissenschaftlichen Forschung zurückzu-
    weisen und den Schweizern, wenn sie
    mittun, ein consilium abeundi zu geben.
    Das Thema könnte auch für den Fall, daß
    wir bereits ungestört sind, bleiben.

  • S.

    Aus der Wirkung auf die amerikan.
    Gruppen, die doch nie in einen engen
    Verband mit uns treten können, mache
    ich mir nichts. London wird uns hoffentlich
    bleiben.
    Ich fand es sehr vornehm und verteidigte
    es gegen Rank, daß Sie in Ihrem Korr-
    esp Blatt die Züricher Schlamperei nicht
    deutlicher angeklagt haben. Aber auf
    dem Kongreß brauchten Sie kein Blatt
    vor den Mund zu nehmen.
    Mit dem Zentralbl ist es leid nicht so, wie Sie
    vermuten. Ein gewisser Kaplan, ein unglück-
    seliger Schlemihl, hat ein Buch über die
    ψA bei Deuticke verlegt, das nicht er-
    scheinen kann, weil einige darin aus-
    genützte Personen die gerichtliche Be-
    schlagnahme erwirkt haben. Aus demselben
    Grund sollen gewisse Nummern
    des Zentralbl mit Beiträgen dieses Kaplan
    zurückgezogen werden. Unkraut ver-
    dirbt nicht.
    Von unseren Sommerplänen habe ich gewiß
    schon geschrieben: 12. Juli Karlsbad, 4./5. Aug
    Seis am Schlern, 24. Sept Vortrag Leiden.

  • S.

    Meine Gesundheit ist z.Zt. weniger interessant,
    als es scheinen wollte. Ich bin fast erholt
    von einer deutlich multiplen Darmaffektion
    (oder Infektion), ohne Karzinomverdacht.
    Wenn ich nicht sehr schreiblustig bin, bedarf
    es keiner besonderen Erklärung.
    Meine Kleine hat ihre poetischen Leistungen
    noch hier vollbracht, anfangs Juli geht sie
    nach England. Ihr Keuchhusten ist gut.
    Dafür hat sie Heuschnupfen. Vorauszusehen,
    daß sie im Leben allerlei Quälereien
    haben wird. Im Ganzen ist sie doch sehr nett.
    Ich hoffe nun, Sie lassen sich nicht mehr
    vom Furunkel beißen, und den Ihrigen
    geht es bis zu den nahen Ferien wieder
    sehr gut.
    Mit herzlichem Gruß
    Ihr getreuer
    Freud

    P.S. Nur eine Korrektur zu Ihrem Aufsatz.
    Ihr Gewährsmann aus Leiden ist
    doch wahrscheinlich der uns bekannt
    Dr. Debruine. Sie haben ihm die
    Vorsilbe entzogen.