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S.
Wien, Sonntag den 8. Mai 1921
Liebe Freunde!
Wir haben diesmal eine ziemliche Verspätung unseres Briefes
vom 1. zu verantworten und glauben dies hinlänglich damit begründen zu können,
daß fast gar nichts zu berichten war, lieber die Ankunft Eitingons ab-
gewartet haben, mit dem wir ja reichlich viel besprochen haben; doch bitten wir
gleich diesen Brief auch für den 11. gelten zu lassen, da wir innerhalb der näch-
sten drei Tage kaum etwas zu berichten haben dürften. Leider ist auch durch
Deine Erkrankung, l. Ernest, eine kleine Unterbre- chung in der Kontinuität der
Briefe eingetreten. Doch hoffen wir, daß Du Dich in Elsted recht bald vollkom-
men erholt haben wirst und gönnen Dir die wohlverdiente Ruhe.Wie sehr wir uns mit Eitingons Hiersein gefreut haben, brau-
chen wir nicht zu schildern. Die seit den Haager Tagen durch unseren Rundbriefverkehr
doch nur unzulänglich ersetzte Stimmung war wieder da und wurde nur
durch den Umstand getrübt, daß sie eben nur wieder unvollkommen aufleben
konnte; doch haben wir, und insbesondere der Profes- sor, der abwesenden Freunde
um so intensiver gedacht, als ja Eitingon eigentlich im Namen des Komitees hier
her kam, um dem Professor am 6. Mai die vom Bildhauer Königsberger stammende
Bronzebüste zu überreichen. Der Professor, der sich mit dem Geschenk sehr freu-
te, läßt sich herzlich dafür bedanken, und ich (Rank) kann ehrlich versichern,
daß es sich um ein sehr gelungenes Kunstwerk handelt, welches mir des
Anlasses würdig erschien. Eine Reihe von Gratulationen, die eingelangt sind,
wird der Professor persönlich beantworten.In der gemeinsamen Sitzung am Freitag Abend haben wir zuerst
die Frage der Komiteezusammenkunft erörtert und uns einstimmig dem Vorschlag
Abrahams angeschlossen, dem wir auch das weitere Arrangement anvertrauen. Die
Zusammenkunft dürfte jedenfalls in der letzten Septemberwoche stattfinden und
der Professor hat vorgeschlagen, daß die Auslagen dafür vom Fond gedeckt wer-
den sollen.Ferner hat der Professor beschlossen, mit Rücksicht auf unsere
günstigen Finanzen, die literarischen Preise wieder zur Verteilung zu bringen
u. zw. jetzt in der Höhe Mark 1000,– für jeden Preisträger. Die nächsten Prei-
se beabsichtigt der Professor zu verleihen an Dr. Stärcke für seine beiden Kon-
gressvorträge aus dem Haag, die beide gedruckt vorliegen, und den Preis für ange-
wandte Psychoanalyse Dr. Róheim, ebenfalls für seine bei- den Kongreßvortäge: Das
Selbst (Budapester Kongreß), das jetzt fortlaufend in Imago erscheint, und Aus-
tralian Totemism, das sich im Druck befindet. Die Ankündigung soll bereits im
nächsten Zeitschriftenheft, das im Sommer erscheinen wird, abgedruckt werden.Weiters haben wir uns gefreut, von Eitingon ein so erfreuliches
Bild von der Tätigkeit und Entfaltung der Poliklinik zu hören, die sich im
... [Textverlust von einer halben Zeile am unteren Blattende] ... wir von ihr erhofft haben. Da die -
S.
Poliklinik einen Jahresbericht5 in unserer Zeit- schrift veröffentlichen wird,
so ersparen wir uns hier ein Eingehen auf nähere Details.Ebenso Erfreuliches haben wir vom Verlag zu berichten, der jetzt
seine erste Bilanz vorgelegt hat, die eigentlich für uns selbst eine angeneh-
me Überraschung war und außerdem deutlich zeigt, wieviel Lebensfähigkeit die
PsA in sich hat. Auch hier wollen wir uns mit der Wiedergabe einiger Haupt-
punkte begnügen. Der Verlag hat ursprünglich vom Fond im Gan- zen ca. 450.000
Kronen bekommen, außerdem von Brill die Spende im Betrag von ca. 400.000 Kronen
andere Spenden, resp. Zuschüsse zu Büchern " " " ca. 200.000"
sonstige Passiven (zu zahlende Rechnungen etc.) " " " ca. 300.000"__________________
zus. 1.350.000,–Aktiva stehen dem gegenüber:
Kassastand von 650.000,–
Bücherlager 1.650.000,–
Außenstände 100.000,–
Papierlager etc. 650.000,–
__________________
zus. 3.050.000,–Daraus ergibt sich ein effektiver Gesamtverdienst von:
K. 1.700.000,–
________________wobei noch zu berücksichtigen ist, daß ja die Spenden von einer halben Million
eigentlich nicht als Passiven zu buchen sind, da sie ja nicht rück- gezahlt zu
werden brauchen, sondern vielleicht eher im doppelten Sinne als Aktivpost, da ja
die Existenz des Verlages eigentlich zu ihnen Anlaß gegeben hat. Außerdem ha-
ben wir die englische Filiale, die jetzt dem Verlag ganz einverleibt ist, noch
gar nicht berücksichtigt, obwohl sie weitere Aktiva im Betrag von Pfd St. 450,– be-
sitzt, die zu Gänze aus Spenden stammen.Der Verlag kann also trotz der noch immer wachsenden Herstellungskos-
ten der Bücher und Zeitschriften vorläufig ruhig der Zukunft entgegensehen, oh-
ne den Fond in Anspruch nehmen zu müssen, und gedenkt auch so lange als möglich
so weiterzuarbeiten, um den Fond für eventuelle unvorhergesehene Fälle zu reser-
vieren. Dabei wird der Verlag bestrebt sein, die sich ergebenden Ge-
winne neben der Erweiterung und Vergrößerung der Zeitschriften vor allem der
Verbesserung der Autorenhonorare zugute kommen zu lassen. Die Zeitschriften-
honorare haben wir jetzt auf ein Minimum von Mk. 50,– pro Bogen festgelegt, für
Bücher zahlen wir, wo es sich um neue Werke handelt, Mk. 100,– pro Bogen, beim Wieder-
abdruck früherer bereits honorierter Arbeiten (nicht Neuauflagen) Mk. 50,– pro Bo-
gen, ebenso für Übersetzungen, wobei der übersetzte Autor ebenso wie der
Übersetzer je Mk. 50, resp. Schilling pro Druckbogen bekommt.– Natürlich sol-
len auch die Gehälter der Verlagsmitarbeiter, zu denen jetzt außer mir (Rank)
noch Hiller, Storfer und Frau Dr. Sachs gehören, mit den Einkünften und der wach-
senden Tätigkeit erhöht werden.Zum Schluß nur noch einige Antworten auf die letzten Briefe: Mit der
Datierung der Manuskripte nach dem Vorschlag Ferenczis sind wir ein- verstanden.
Ich (Rank) bitte Ferenczi, mir zu sagen, wer sich über Nicht- beantwortung seiner
Briefe beklagt hat; bewußt ist dies natürlich nicht geschehen, obwohl mich jede
Anfrage belastet und ich nicht Dringendes manchmal zurückstellen muß.Ad L.: Über Deinen Hamlet6 sowie über seine englische Übersetzung werde
ich nächste Woche mit Hiller sprechen. Da es sich bei Hamlet um ein englisches Original handelt, glaube ich nicht, daß Deuticke ein
recht daran hat.Mit herzlichen Grüßen
[Rank Freud]