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S.
[Briefkopf Wien] 4. VII. 24.
Lieber Freund,
Es gibt Verhältnisse, in denen man auch im Alter altruistisch wird. So freue ich mich mit Ihnen am Engadin, obwohl ich nicht selbst dort sein kann. Ich habe meine Abhängigkeit vom Atelier meines Arztes doch zu deutlich erkannt, um mich so weit von ihm zu entfernen und habe Villa Schüler nächst dem Südbahnhotel Semmering gemietet, von wo aus ich an einem Tag bequem in Wien und zurück sein kann. Die Miete war so teuer, daß ich an einen zweiten Aufenthalt nicht zu denken brauche. Wenn Sie also im August mich besuchen wollen, so brauchen Sie keine andre Reise zu machen. Ich habe diesmal, auch ich, einen Patienten als Handgepäck mitgenommen, der mich in der Übung erhalten soll.
Mein Befinden zeigte in letzterer Zeit ups and downs, je nachdem die Prothese, die Nase und das Ohr mich mehr -
S.
oder weniger zu quälen beliebten. Hoffentlich finden wir jetzt einen Modus vivendi miteinander.
Wenn Sie mir Ihren Kongreßvortrag schicken wollen, so werde ich ihn höchstwahrscheinlich mit großem Interesse lesen.
Am 8. Juli gedenken wir umzusiedeln.
Mit herzlichen Grüßen für Sie und Ihr Haus und den besten Sommerwünschen
Ihr Freud
Berggasse 19
Wien 1090
Oostenryk
Haus Gilly
Sils-Maria, Engandin 7514
Switserland
C15F2
- Schreibmaschine
- Zusatz in Freuds Hand