• S.

                                                              20.6.11

    Prof. Dr. Freud                           Wien, IX. Berggasse 19.

     

    Lieber Freund

    Anbei der Brief von Jung. Er ist sehr liebenswürdig, halten Sie ihn sich warm. Von seinen astrologischen Studien weiß ich übrigens.

         Ihr Besuch um die angezeigte Zeit ist mir wie zu jeder anderen sehr angenehm. Wir werden vielleicht Mühe haben, Ihnen Unterkunft zu schaffen, also bitte um rechtzeitige Anmeldung!

     

         Die Sache mit Adler ist jetzt akut. Er hat durch den Advokaten Bedingungen an seinen Austritt aus dem Blatt knüpfen lassen, die von lächerlicher Anmaßung zeugen und ganz unannehmbar sind.1 Gleichzeitig wird nach seinem Austritt aus dem Verein eine Aktion gegen mich unternommen, die in einer Erklärung [und] Diskussion in einer außerordentlichen Vollversammlung und eventuellem Austritt gipfeln soll.2 Die Zahl dieser Anhänger ist nicht gering. Ich habe die Neigung, so intransigent als möglich zu sein und bei dieser Gelegenheit alles, was störend ist, abzustoßen. Ob aber die Majorität mir folgen wird, weiß ich nicht. Jedenfalls ist dort die ganze Mythologie: Aggression, Rückendeckung, Scharfmachen, oben und unten3 in Szene gesetzt, und bei mir hat noch der Beschluß die Oberhand, Verein und Blatt zu behaupten. Für den 28. ist eine Zusammenkunft im Prater von mir angesagt.4 Bis dahin wird sich das meiste entschieden haben.

         Sonst wenig Neues, ich zähle die Tage bis zum Urlaub, sie vergehen langsam. Die Traumdeutung ist fertig5 und soll noch vor meiner Abreise erscheinen und verschickt werden.

         Ich grüße Sie herzlich

                                                                  Ihr

                                                                Freud

     

         1    Freud hatte Bergmann, dem Verleger des Zentralblatts, geschrieben, daß dieser zwischen ihm und Adler zu wählen habe (vgl. 223 F). Bergmann brachte Adler diesen Brief zur Kenntnis, und dieser verfaßte noch im Juni eine Erklärung, in der er seinen Austritt aus der Redaktion erklärte (Zentralblatt, 1910-11, 1: S. 433).

         2    "Adler bin ich endlich [im Original: endlos] losgeworden", hatte Freud am 15. Juni an Jung geschrieben (Briefwechsel,

    S. 472). Mit Adler verließen auch David Bach, Stefan von Maday und Baron Franz von Hye die Vereinigung. Am selben Tag, an dem Freud diesen Brief an Ferenczi schrieb, unterzeichneten Karl Furtmüller, Margarete Hilferding, Franz und Gustav Grüner, Paul Klemperer, David Oppenheim und Josef Friedjung eine Erklärung, in der sie Adlers Austritt als "förmlich provoziert" bezeichneten und dessen Vorgehen billigten, aber den Wunsch äußerten, weiterhin "eifrige Mitglieder" der Vereinigung zu bleiben (Bernhard Handlbauer, Die Adler-Freud-Kontroverse, Frankfurt/M. 1990, S. 157). Bei der Außerordentlichen Generalversammlung vom 11. Oktober 1911 wurde dagegen beschlossen, die Zugehörigkeit zum inzwischen von Adler gegründeten Verein für freie psychoanalytische Forschung und zur Psychoanalytischen Vereinigung für inkompatibel zu erklären, worauf auch die oben Genannten (außer Friedjung) ihren Austritt erklärten (Protokolle III, S. 271-273). Siehe auch unten 242 F.

         3    Aggression und Machtstreben wurden von Adler als zentrale Motive menschlichen Handelns angesehen, während "das Sexuelle als Jargon, als Modus dicendi" zu verstehen sei (Über den nervösen Charakter, Nachdruck Frankfurt/M. 1972, S. 33). Neurotiker seien bestrebt, sich eine Rückzugslinie aus sozialen Beziehungen zu schaffen (ib., S. 203) und in

    jedem Symptom finde man "das *Unten+, - die Empfindung der Minderwertigkeit - und des *Oben+ - fiktiven Endziels -" wieder (ib., S. 226).

         4    Im Präsenzbüchlein der Protokolle ist eine "Gemütliche Zusammenkunft am 28. Juni 1911 - Konstantinhügel" (III, S. 266) verzeichnet. Adler und seine Anhänger waren nicht anwesend.

         5    Die 3. Auflage; erschienen bei Deuticke, Leipzig und Wien.