• S.

                                                    Karlsbad 28.7.12A

    Prof. Dr. Freud                          Wien, IX. Berggasse 19.

     

    Lieber Freund

    Ich verfolge mit Interesse alle Berichte über die Vorgänge in Ihrem Intimsten, aber ich denke noch immer, Sie in Ruhe zu lassen ist die einzige Freundespflicht.

         ‑ Sophies Verlobung ist unterdes perfekt geworden, steht schon in den Hamburger Zeitungen und soll heute in Wien veröffentlicht werden. Er ist ein besonders feiner und ernsthafter Mensch, soviel haben wir ohne Mühe in Karlsbad an ihm gesehen. Ich meine, sie wird es bei ihm sehr gut haben.

         Uns geht es hier eigentlich sehr gut. Nur heute will es etwas zu heiß werden. Arbeiten kann ich gar nichts, alles im heißen Salzwasser ertränkt.

         Mit Jung ist es jetzt ganz klar. Ich erhielt von ihm nach fünf Wochen Pause folgenden Brief:

         +Z.K.1 18.7.12      Lieber Herr Professor

    Auf Ihren letzten Brief wußte ich bis jetzt nichts zu sagen. Jetzt kann ich nur sagen: ich verstehe die Geste von Kreuzlingen. Ob Ihre Politik die richtige ist, wird sich durch Erfolg oder Mißerfolg meiner nächsten Arbeiten herausstellen. Meine stets beobachtete Distanz wird mich davor bewahren, die Illoyalität Adlers nachzuahmen.

         Ihr ergebener Jung*

     

         Dieser Brief scheint mir trotz mancher Unverständlichkeiten ‑ denn was meint er mit der Geste von Kreuzlingen?2 Was soll die Politik sein, die sich durch den Erfolg seiner Arbeiten erproben wird? ‑ eine platte Absage. Binswanger, dem ich eine Abschrift geschickt, weil er ja über die +Geste von Kreuzlingen* allein orientiert ist, hat denselben Eindruck. Klarheit ist immer dankenswert. Ich werde zunächst nicht antworten, ich kann mir ja auch Wochen Zeit lassen und überhaupt nichts tun, was einen formalen Bruch erleichtert. Wir können ja zusehen.

         Sonst hat sich folgendes zugetragen. Vor etlichen Tagen kam ein Brief von Riklin mit einem Aufsatz von ihm in einer schweizerischen Revue, +Ödipus und die -A*3. Schön geschrieben, aber konziliant bis zur Unklarheit und Unaufrichtigkeit gegen das Publikum. Es ist die neue Tonart drin angeschlagen, Symbolik anstatt Realität, die mir gar nicht gefällt. Dazu ein beschwichtigender Brief von Riklin. Ich sollte mir keine Sorgen um sie in Zürich machen, sie arbeiteten ernsthaft und nicht paranoisch, worauf ich mit etwas Lob und viel aufrichtiger Kritik geantwortet habe. Den wirklichen Sachverhalt ersehe ich aus dem Bericht von Binswanger über ein Gespräch mit Maeder, der bei ihm zu Besuch war.4 Sie zweifelten jetzt an dem Einfluß der infantilen Komplexe und seien so weit, daß sie zur Erklärung der theoretischen Differenz bereits den Rassenunterschied anrufen. Das müssen hübsch seichte Erfahrungen sein, die solche Zweifel ermöglichen. Daß es sich wieder um den berühmten +Weg für Handlungsreise[nde]*5 handelt, geht aus einer von Oberholzer berichteten Äußerung Jungs hervor, es sei nicht notwendig, in der Analyse auf die Einzelheiten der Erlebnisse einzugehen, man könne sich mit der Aufdeckung der +Tendenzen* begnügen!

     

         Jung muß sich jetzt in florider Neurose befinden. Wie immer das ausgeht, meine Absicht, Juden und Gojim im Dienst der -A zu verschmelzen, scheint zunächst mißglückt. Sie scheiden sich wie Öl und Wasser.

         Sie wären mit der Art, wie ich all das nehme, wahrscheinlich sehr befriedigt. Ich bin gemütlich ganz unbeteiligt und intellektuell überlegen.

         Ihre Arbeitsvorsätze in Ehren, machen Sie nur jetzt, was Sie können. In Ihren Ferien sollen Sie auch feiern. Da wir vor 1. September in Caldonazzo sein wollen und nicht vor 6.‑8.‑10. reisen, rechne ich bestimmt auf Ihre Anwesenheit dort. Grüßen Sie mir Frau G. herzlich, und nehmen Sie nichts zu schwer. Man erfährt erst später, was Unglück oder Glück war.

                                               Ihr herzlich ergebener

                                                                Freud

     

     

    _________

    A Handschriftlich über die vorgedruckte Briefkopfzeile gesetzt.

     

         1    Zürich-Küsnach.

         2    Jung war der Meinung gewesen, Freud habe ihn nicht rechtzeitig von dessen Besuch vom 25.-28.5.1912 bei Binswanger in Kreuzlingen  - das nicht weit von Zürich liegt - verständigt, was Jung als "Geste von Kreuzlingen" interpretierte. Er war allerdings nicht zuhause gewesen, als Freuds Brief vom 23.5. ankam (in der Regel brauchten damals Briefe von Wien nach Zürich einen Tag). Vgl. unten 349 F.

         3    >Ödipus und Psychoanalyse<; Wissen und Leben, 1912, 5, Nr. 20: S. 20ff. Vgl. den Bericht darüber im Korrespondenzblatt (Zentralblatt, 1912-13, 3: S. 109).

         4    Freuds Antwort an Binswanger in Auszügen in: Binswanger, Erinnerungen, S. 60.

         5    Diesen Ferenczi offenbar vertrauten Ausdruck wendete Freud viel später auch auf die von Ferenczi und Rank gemeinsam verfaßte Arbeit Entwicklungsziele der Psychoanalyse (Leipzig und Wien 1924) an (siehe unten 946 F). Zu diesem Ausdruck vgl. auch André Haynal, Die Technik-Debatte in der Psychoanalyse; Freud, Ferenczi, Balint, Frankfurt/M. 1989, S. 59.