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S.
9. Juli 13
Prof. Dr. Freud Wien, IX. Berggasse 19.
Lieber Freund
Wirklich? Kann ich Ihnen schon zum
40 sten Geburtstag gratuliren? Ihr weh-
mütiger Brief hat mich sehr ergriffen, zu-
nächst weil er mich an den eigenen
40 sten erinnerte, seit dem ich mich be-
reits mehrmals gehäutet habe, was be-
kanntlich alle 7 Jahre geschieht. Ich war
damals (1896) auf dem Gipfel der Ver-
lassenheit, hatte alle alten Freunde
verloren, noch keinen neuen erworben;
niemand küm̄erte sich um mich, und
mich hielt nur ein Stück Trotz und der
Anfang der Traumdeutung aufrecht.Blicke ich nun auf Sie, so muß ich Sie in
vielen Stücken glücklicher preisen, wen̄
auch die Glückwünsche nicht lauter ge-
worden sind. Sicher orientirt stehen Sie
da, freie Bahn vor Ihnen, hochgeschätzt
von einem ungewöhnlich erlesenen
Freundeskreis, dessen geistiger Führer
Sie zu werden bestimmt sind. Eines
haben Sie nicht, in dessen Besitz ich mich
damals schon sicher fühlte und ich
weiß, daß man am schärfsten ent-
behrt u am höchsten schätzt, was man
nicht erreichen konnte. -
S.
An Ihrem 40 sten Geburtstag kann ich die
Reserve fallenlassen und Ihnen gestehen,
daß ich nur darum nie energisch von Elma
abgeraten, weil ich fürchtete, Sie würden
es dann nach neurotischen Mustern doch
durchsetzen wollen. Was wollen Sie nun
thun? Für jeden von uns nim̄t das Schicksal
die Gestalt einer (oder mehrerer)
Frauen an, u Ihr Schicksal hat einige
selten kostbare Züge.Sie wissen, ich habe heuer Emden abgesagt,
so liebenswürdige Gesellschafter sie
auch sind, um in Marienbad einige Wochen
analysenfrei zu leben. Mein nächster Verkehr
wird meine kleine Tochter sein, die sich
jetzt so erfreulich entwickelt (diese
subjektive Bedingung der „Kästchenwahl“
haben Sie gewiß längst erraten). In S.
Martino hoffe ich frisch genug zu sein,
um Ihre Gesellschaft besser zu würdigen,
als im Vorjahre, wo mir alles und jeder
zuviel war. Abraham will uns Ende
August besuchen und wahrscheinlich mit
uns nach München reisen. Ihre Hoffnung,
daß ich Ihnen dann etwas Neues
mitteilen kann, weiß ich noch nicht
zu unterstützen. Meine guten Sachen
kom̄en wirklich in 7jährigen Perioden: -
S.
1891 fing ich mit der Aphasie an, 1898/9 die Traum-
deutung, 1904/5 Witz u Sexualtheorie 1911/12 die
Totemsache; ich bin also wahrscheinlich in
der Abnahme u kann vor 1918/19 auf
nichts Größeres rechnen. (wenn die Kette
nicht vorher abreißt).Was Sie über Jones schreiben, freut mich
sehr. Ich fühle mich jetzt weit weniger
mitschuldig an dem Ausgang des Prozeßes
mit seiner Frau, seitdem ich sie in der
Freiheit so aufblühen sehe. Ich habe diese Loe
außerordentlich lieb gewonnen u bei ihr
ein sehr warmes Gefül mit voller Sexual-
hemmung wie selten vorher (dank dem
Alter wahrscheinlich) zu Stande gebracht.
Leider macht mir auch dieses Kind große
Sorgen, an denen Sie ihn (E.J.) noch nicht
teilnehmen lassen sollen. Die Schwellung
ihrer Füße hat nicht aufgehört, so daß ich mich
endlich entschloß, Dr Kaufmann, den ich von
seiner vorzüglichen Leistung bei Sophie
her als etwas Besonderes schätze, zu ihr zu
rufen. Er diagnostizirt tiefe Venenthrom-
bosen, die leicht hätten fatal werden können,
meint, jetzt sei die Gefahr vorüber, verbietet
aber entschieden, daß sie vor Ende Juli -
S.
etwas Anstrengendes unternim̄t. Die Reise
nach Bpest wird also unterbleiben, die nach
England aufgeschoben werden müßen.
Jones soll noch nichts davon erfahren. Ich ver-
stehe nur so viel von diesem Stück interner
Medizin, daß das alles nicht geheuer ist
Sie ist heiter und leichtsinnig, ich will sie auch
nicht allzu ängstlich machen.Martin hat jetzt auch seine dritte Staats-
prüfung mit dem entsprech. Rigorosum
gut bestanden, hat nur noch ein kleines
Rigoros. vor sich u kann Ende Okt.‑Nov.
promoviren. Die Jungen waren alle
drei heuer besonders fleißig u anständig.Unsere Sache wollen wir ruhig, in
überlegener Sicherheit weiterführen. J
enes Gefül, daß die Kinder versorgt
sind, dessen ein jüdischer Vater zum
Leben wie zum Sterben dringend bedarf,
wollte ich Jung verdanken; ich bin jetzt
froh, daß Sie u die Freunde es mir
geben.Mit herzlichem Glückauf für die
nächsten zwei Drittel Ihrer individ.
Existenz
Ihr freundschaftlich ergebener
FreudDr. Kaufmann]
Kaufmann Rudolf, Internist. * Wien, 3. 9. 1871; † Wien, 20. 6. 1927. Stud. an der Univ. Wien Med., 1895 Dr.med., und wurde dann bei Nothnagel ausgebildet. 1908 Priv. Doz. für Interne Medizin, 1920 tit. Prof. K. schuf sich mit der Errichtung einer Zentralstelle für die Erforschung der Herzpathol., der sogenannten „Herzstation“ in Wien, ein unvergängliches Denkmal.
Quelle: https://www.biographien.ac.at/oebl/oebl_K/Kaufmann_Rudolf_1871_1927.xml [2025-08-30]
Es ist wohl der gleiche Rudi Kaufmann, über den Freud in der Traumdeutung im 2. Kapitel als verschlafenen Stud. med. verewigt hatte:
"Denselben Trägheitstraum in besonders witziger Form kenne ich von einem jungen Collegen, der meine Schlafneigung zu theilen scheint. Die Zimmerfrau, bei der er in der Nähe des Spitals wohnte, hatte den strengen Auftrag, ihn jeden Morgen rechtzeitig zu wecken, aber auch ihre liebe Noth, wenn sie den Auftrag ausführen wollte. Eines Morgens war der Schlaf besonders süss. Die Frau rief ins Zimmer: Herr Pepi, stehen’s auf, Sie müssen in’s Spital. Daraufhin träumte der Schläfer ein Zimmer im Spital, ein Bett, in dem er lag, und eine Kopftafel, auf der zu lesen stand: Pepi H ... cand. med., 22 Jahre. Er sagte sich träumend: Wenn ich also schon im Spitale bin, brauche ich nicht erst hineinzugehen, wendete sich um und schlief weiter. Er hatte sich dabei das Motiv seines Träumens unverhohlen eingestanden.“ (1900-001/1900:87)
Schon 1895 schreib er Wilhelm Fließ von diesen Traum:
"Der Rudi Kaufman̄, ein sehr
intelligenter Neffe von Breuer, auch
Mediziner, ist ein Spätaufsteher u läßt
sich von einer Bedienerin wecken, der er
dan̄ sehr ungern folgt. Eines Morgens weckt
sie ihn wieder u ruft ihn, da er sie nicht
hören will, bei seinem Namen: „Herr
Rudi“. Darauf hallucinirt der Schläfer
eine Spitalstafel (vgl Rudolfinerhaus!)
mit dem Namen: Rudolf Kaufman̄
darauf u sagt sich: Also ist der R. K.
ohnedieß schon im Spital, da brauch ich
ja nicht hinzugehen u schläft weiter!“
(F-FW/1895-03-04)
Berggasse 19
Wien 1090
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VII Erzsebét-kőrút 54
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Hongarye
http://data.onb.ac.at/rec/AC14397217 Autogr. 1053/18(1-7) HAN MAG