• S.

    23.1.12

    Prof. Dr. Freud                           Wien, IX. Berggasse 19.

     

    Lieber Freund

    Ihr Hahnenmann ist köstlich. Ich werde Sie wahrscheinlich bitten, mir die Beobachtung für die Totemarbeit zu schenken oder [sie] ohne Beziehung auf den T[otem] zu publizieren. Das wissenschaftliche Handwerk nötigt zu solchen Kleinlichkeiten.

         Bei E[lma] ist ja mein Vorsatz, mich durch keinerlei Gefahr der Beeinflussung von der Wahrheit in der Berichterstattung abhalten zu lassen. Besonders da ich weiß, eine Entscheidung werde Ihnen erst nach Beendigung der Kur möglich sein. Für die Zeit bisher haben wir nun wenig geleistet (vierzehn Tage). Sie hat noch immer die Maske des braven Kindes vor, das alles annimmt, was man ihr sagt, aber dafür kein eigenes Interesse hat und darum nichts zustande bringt. Es schimmert aber bereits der Widerstand deutlich durch. Er heißt: Nur möglichst bald fort aus der Kur. Man kann auch heiraten, ohne früher klare Gefühle zu haben, und dann doch glücklich werden. Dafür beruft sie sich auf das Beispiel ihrer hiesigen Kousine. Das dürfte aber die Übertragung der treibenden Situation in ihrem bisherigen Leben sein, Flucht vor dem Vater, an den sie fixiert ist, zu allen möglichen jungen Leuten, die doch so ausgesucht sind, daß man sie nicht heiraten kann, so daß sie doch wieder im Haus bleibt und wartet, bis der Vater die infantil phantasierte Verführung erneuert. Der affektive und intellektuelle Überbau über diesem Komplexgerippe scheint recht armselig, doch kann man kein Urteil abgeben, ehe man nicht weiter gekommen ist.

     

         Die Affäre mit Jung steht so.1 Ich habe mich vor vierzehn Tagen angelegentlich nach seinem Befinden erkundigt, als ich von seiner Verletzung2 durch Pfister erfuhr. Er hat nicht geantwortet, nur einmal dazwischen in Redaktionsangelegenheiten geschrieben, worauf ich mit der Überschrift +Geschäftlich*, wie sonst zwischen uns gebräuchlich, sachlich geantwortet. Ich schreibe nun nicht spontan und bitte Sie auch dringend, nicht vermitteln zu wollen. Von Öα Offenheit kann meinerseits nicht die Rede sein, da er schweigt und nicht aufrichtige Auskunft gegeben hat und ich zu einer +Behandlung* nicht geneigt bin. Sie sehen jetzt, daß der Brief der Frau an Sie damals wirklich eine Projektion des Übelwollens auf mich enthielt. Ärgerlich ist mir, daß ich in der Beantwortung der Briefe an sieA wieder einmal in törichter Hingebung sehr warm geworden bin und daß ich ihm von allen Resultaten der Religionsforschung Mitteilung gemacht habe3, so wieB Ihnen. Wer das Zeug zum gefühlvollen Esel hat, der hört eben auch mit grauen Haaren nicht auf, sich zu blamieren. Ich werde aber nichts veranlassen, was auf Übelnehmen deutet, ich vergebe gern, nur kann ich dann mein Gefühl nicht ungeändert erhalten. Die Öα Gewohnheit, aus kleinen Anzeichen wichtige Schlüsse zu ziehen, ist auch schwer zu überwinden. Sein Ehrgeiz war mir ja bekannt, aber ich hoffte, durch die Stellung, die ich ihm geschaffen und noch vorbereite, diese Macht in meine Dienste gezwungen zu haben. Die Aussicht, solange ich lebe, alles selbst zu machen und dann keinen vollwertigen Fortsetzer zu hinterlassen, ist nicht sehr tröstlich. So gestehe ich Ihnen denn, daß ich keineswegs heiter bin und an dieser Kleinigkeit schwer zu tragen habe.

         Jetzt lehne ich mich wieder an Sie und hoffe zuversichtlich, daß Sie mich nicht enttäuschen werden. Aber Sie gehen vielleicht unfrohen Zeiten entgegen.

         Heute habe ich einen kurzen Nachtrag zur Gradiva für deren zweite Auflage4 geschrieben. Den Witz liest meine Schwägerin, er soll gleichfalls ungeändert erscheinen.5 Das nächste ist ein englischer Aufsatz über das +Unconscious* für die Society for Psychical Research.6 Leider komme ich erst um 9 h abends von der Arbeit. Ein Aufsatz gegen meine +Formulierungen*7, den mir Bleuler geschickt hat ‑ sein Vortrag in Weimar8 ‑ ist nicht gut und entschieden ein Rückfall in die alte Ö Deskription. Den einzigen Einwand, der mir damals Eindruck machte, konnte ich jetzt leicht erledigen.

     

         Morgen erst kommt Ihr Onaniebeitrag zur Verlesung.9 Wir haben ein neues Lokal bezogen, bei unserem früheren Wirt, dem Doktorenkollegium.

         Ich grüße Sie herzlich in diesen trüben Zeiten

                                                                  Ihr

                                                                Freud

     

     

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    A In der Handschrift: Sie.

    B In der Handschrift: sowie.

     

         1    Jung schrieb seit einigen Wochen nur mehr selten an Freud. Er arbeitete am zweiten Teil von >Wandlungen und Symbole der Libido< (Jahrbuch, 1912-13, 4: S. 162-464), der den wissenschaftlichen Bruch mit Freud offenkundig machte.

         2    Jung war von einem Hund gebissen worden.

         3    Z.B. in den Briefen vom 13.10.1911 (Freud/Jung, Briefwechsel, S. 495f.) und vom 17.12.1911 (ib., S. 523f.). Am 12.11.1911 hatte Freud selbst über seine Ambivalenz geschrieben, Jung über seine Einfälle zu informieren: "Warum, zum Teufel, mußte ich mich anregen lassen, Ihnen

    auf dieses Gebiet zu folgen?" (ib., S. 508).

         4    >Nachtrag zur zweiten Auflage< [von Der Wahn und die Träume in W. Jensens *Gradiva+ (1907a)] (Freud 1912k).

         5    Der Witz und seine Beziehung zum Unbewußten (1905c); 2. Auflage 1912 bei Deuticke (Wien).

         6    >A Note on the Unconscious in Psycho-Analysis< (1912g); Proceedings of the Society for Psychical Research, Supplement, 1912, 26: S. 312-318. Auf deutsch in der Übersetzung von Hanns Sachs 1913 in der Zeitschrift (1:

    S. 117-123) erschienen.

         7    Freud 1911b.

         8    >Zur Theorie des Autismus< (Vortrag, Weimar 1911); vermutlich identisch mit >Das autistische Denken< (Jahrbuch, 1912-13, 4: S. 1-39).

         9    Bei der vierten Onanie-Diskussion der Wiener Vereinigung am 24.1.1912 (Protokolle IV, S. 24f.); siehe auch unten 272 F.