• S.

    PROF. DR. FREUD    WIEN, IX., BERGGASSE 19.
    Tegel

    20. 3. 1929

    Dear Ruth

    Heute Ihr erster Brief aus der 
    Mütterlichkeit vom 7. dM. Mir 
    ahnte so etwas von schweren 
    Tagen, bin froh, daß ich da-
    zwischen Kabelnachricht hatte. 
    M.-I. macht mir keine Sorge, 
    sie hat noch Zeit genug, schön 
    zu werden. Sie selbst, hoffe
     ich, sind jetzt wieder zu Hause.

    Wir reisen am 23 Okt (Samstag). 
    Berlin war wieder sehr angenehm. 
    Mit Schröders Arbeit bin ich 
    diesmal weniger zufrieden. 
    Er meinte, es sei noch zu 
    früh für große Veränderungen, 
    hat wenig weggenom̄en, er-
    klärt sich für sehr befriedigt, 
    ich finde Sprache und Empfind-
    ungen recht unbefriedigend.

    In Wien werde ich nur den 
    Dr Karolyi zur regelmäßigen 
    Hilfeleistung heranziehen. 

    Mein persönliches Befinden 
    ließ sonst hier wenig zu 
    wünschen übrig, desto mehr 
    was ich sonst gesehen und 
    gehört habe. Das Sanatorium 
    ist in ähnlicher Klemme 
    wie der Verlag, den 
    Sie diesmal noch heraus-
    gerissen haben. Anna (und

  • S.

    die Lou Salomé) waren bei einer 
    Sitzung des Vereins u berichten, 
    daß der Eindruck sehr schlecht 
    war. Kein Zusam̄enhang zwischen 
    den Alten und Jungen, kein 
    Führer, denn Eitingon ist 
    persönlich unnahbar und Sim̄el 
    kann es nicht recht, ist auch 
    ganz vom Sanat in Anspruch 
    genom̄en. Nur die Poliklinik 
    gedeiht. Am 5 April treffen 
    Eiting, Ferenczi, Ophuijsen u Anna 
    in Paris mit Jones zusam̄en, 
    Vorbesprechung für Oxford
    Es handelt sich darum, Jones 
    zu veranlassen, daß er die 
    Ausschließung der Laienfrage 
    vom Kongreß zuläßt. Denn 
    kom̄t es zu Debatte und 
    Abstim̄ung darüber, so geht 
    die I. ps. V. glatt in zwei 
    Stücke auseinander.

    Sie haben soviel nähere und 
    schönere Sorgen jetzt. Sie und 
    das Baby machen jetzt eine 
    glückliche Einheit. Sonst ist es 
    ja schwer mit den Menschen 
    etwas anzufangen.

    Ich grüße Sie u Mark herzlich 
    Ihr 
    Freud

    P.S. Werden Sie 
    nur nicht zu amerikanisch!