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[Briefkopf Wien] 7. II. 24.a

Lieber Max

Schön, daß die Sonne Ihrem Facialis so wohl tut. Ich hoffe Sie in natürlicher Symmetrie bei uns zu sehen, wenn Sie noch diese Absicht haben. Sie schreiben ja nichts von Ihren Terminen.

Auch ich mache Fortschritte. Ich habe heute eine neue Prothese erhalten, welche meine Sprache ungemein verbessert. Weitere Verbesserungen werden mir hoffentlich auch das Kauen erleichtern.

Ihr Brief hat mich in einer Hinsicht sehr unangenehm überrascht. Ich hatte zwar gehört, daß die Publikationen von Rank und Ferenczi in Berlin Erregung hervorgerufen haben, aber weder geglaubt, daß die Sache so ernst ist, noch daß Sie sie so ernst nehmen könnten. Auch Abrahams Einstellung dazu nimmt mich wunder. Wie arg muß er betroffen sein, wenn er eine so ungerechtfertigte und unmögliche Forderung aufstellen kann, das Komitee solle vom Inhalt der Arbeiten seiner Mitglieder vor der Veröffentlichung verständigt werden. Ich kann mich nicht enthalten zu fragen, ob Sie das von ihm selber haben oder etwa durch Zwischenträger; ich kann es kaum glauben. Auch Ihr Auskunftsmittel, daß ich in dem drohenden Streit meine Stimme soll erschallen lassen, ist nicht ganz nach meinem Geschmack. Ich gebe mir alle Mühe, meine Autorität nicht dazu zu mißbrauchen, um die Selbständigkeit meiner Freunde und Anhänger zu hemmen, und ich verlange gar nicht, daß alles, was sie hervorbringen, meiner Zustimmung sicher sei. Vorausgesetzt natürlich, daß sie den uns gemeinsamen Boden nicht verlassen, und das ist wohl weder von R. noch von F. zu erwarten.

Ich habe auch nicht die Richtung Ihres Wunsches verstanden: ob Sie meinen, daß ich für oder gegen die beiden Autoren, resp. Rank, Stellung nehmen sollte. Es ist mir aber in den Sinn gekommen, daß ich im Gespräch mit Sachs1 einige kritische Bemerkungen über das ‚Geburtstrauma‘b habe fallen lassen und daß daher vielleicht der Eindruck in Berlin rührt, diese Arbeit sei in Opposition gegen mich entstanden. Schon der Umstand, daß ich die Widmung des Buches angenommen habe, zeigt ja, daß ich es nicht so auffasse. In Wirklichkeit schätze ich beide Bücher, das R. und F. gemeinsame und das R.sche, natürlich das letztere höher,c und bin nur nicht in der Lage, ein endgültiges Urteil darüber abzugeben, weil es dazu Zeit für Überlegung und neue Erfahrung braucht sowie die Fähigkeit, sich rasch in die Gedankengänge eines anderen zu finden, an der es mir ja eigentlich mangelt.

Im Einvernehmen mit Rank habe ich mich doch entschlossen, Ihrem Wunsch in der Form einer Äußerung im nächsten Rundbrief zu entsprechen.2 Diese wird so gehalten sein, daß sie nötigenfalls, d. h. wenn Sie oder Abraham es wünschen, auch Mitgliedern außerhalb des Komitees vorgelegt werden kann. Ich hoffe, wir beschwören den Sturm.

Nun noch eins, lieber Max. Ich bitte Sie, Ihrer Liebenswürdigkeit Halt zu gebieten und uns aus dem schönen Süden nichts mehr zu schicken. Die Mandarinensendung ist zu drei Vierteilen unbrauchbar angekommen und hat ein ganzes Stück Zoll gekostet. Das spanische Tuch ist heute beim Zollamt angezeigt worden,* und es ist fraglich, ob Anna es auslösen kann.3 Es gibt keine Liebesgabensendungen nach Österreich mehr, und alle Zölle sind sehr hoch.

Ich und wir grüßen Sie und Mirra herzlich und hoffen, daß der sonnige Einfluß auf Ihre Schreibhemmung sich über Ihren ganzen Aufenthalt erstrecken wird.

Ihr Freud

* durch eine ganze Verkettung von Umständen dahin gelangt,d

 

a Masch.

b Im Original ohne Anführungszeichen.

c Im Original folgt: ein.

d Fußnote in Handschrift von A. Freud.