S.
[Briefkopf Wien] 9. VIII. 1926.a
Lieber Max!
Ich freue mich zu hören, daß die Wahl von Franzensbad sich wenigstens nicht auf eine Verschlechterung von Mirras oder Ihrem Befinden zurückführt.
Ihren Vorschlag, die Entscheidung über das Schicksal der ‚Imago‘ auf Oktober zu verschieben, nehme ich natürlich bereitwillig an. Dann muß aber auch das letzte Heft der ‚Imago‘ so lange aufgeschoben werden, weil es eine Auskunft über eine etwaige Veränderung selber bringen müßte. Über Sachs denke ich genau wie Sie, Ihre beiden anderen Vorschläge scheinen mir das Problem nicht zu treffen. Wenn wir Storfer durch Radó ersetzen, haben wir den ersten schwer gekränkt, ohne die Schwierigkeiten zu beheben, und ebenso wenig können wir durch die Auskunft, daß Anna die Redaktion übernimmt, etwas erreichen. Die Armee von Imagobeiträgern wird auch durch Galanterie nicht zu beeinflussen sein, einfach darum, weil sie nicht vorhanden ist. Das Kreuz der ‚Imago‘ besteht ja gerade darin, daß wir keine vernünftigen Beiträge bekommen, sondern uns mit allerlei Abfall und schülerhaften Aufsätzen behelfen müssen. Der ideale Redakteur wäre also eine Person, die durch ihre ausgedehnten Beziehungen zu den verschiedensten wissenschaftlichen Kreisen eine gute Anzahl von Arbeitern auf anderen Gebieten bewegen könnte, sich um die Analyse zu kümmern. Eine solche Person müßte man konstruieren, sie ist derzeit nicht vorhanden. Ich versichere Ihnen aber, daß es auch mir nicht leicht wird, die Flagge der ‚Imago‘ zu streichen, und daß ich sehr gerne bereit bin, das Blatt aufrecht zu halten, auch wenn es noch länger auf die Erfüllung seiner Mission zu warten hätte.
Ich hoffe also, wir werden uns im Oktober darüber rasch einigen.
Da Ihnen Storfer die erste Hälfte der Fahnen über die Laienfrage geschickt hat, werden Sie jetzt so wie ich auch im Besitz der zweiten Hälfte sein. Das Büchlein wird Sie sehr bald nach Ihrer Ankunft in Berlin erreichen. Ich höre natürlich sehr gerne, daß es Ihnen soweit gefallen hat. Der zweite Teil enthält das eigentlich Sachliche und Polemische, darunter manches harte Wort, hoffentlich nichts Ungerechtes.
Die Prinzessin hat uns gestern verlassen und ihre Stunde für meinen Amerikaner [D.] freigegeben. Sie war durchaus ein Vergnügen, hat interessante analytische Situationen durchgemacht, natürlich des Widerstands, und hat sofort nach ihrer Abreise, wie ihr heutiger Brief aus Wien zeigt, geradezu entscheidende Einfälle zur Lösung ihrer Kindergeschichte bekommen. Ich hoffe, sie wird in Paris weiterhin sehr gut wirken; eine Menge von Übersetzungen sind dort im Gang.1
Wir hatten fürchterlich schlechtes Wetter, heute der erste bessere Tag, übrigens auch in meinem Befinden.
Ich grüße Sie beide herzlich und hoffe, von Ihnen noch mehrmals zu hören, ehe ich Sie wiedersehe.
Ihr Freud
a Masch.; Monat verschrieben als: VII.