• S.

    Berlin 16,6,22

    Liebe Freunde,

    Die verspätete Absendung des vorigen Briefes bringt es mit
    sich, daß dieser Brief ihm sehr nahe nachfolgt, und daher ist von uns
    noch nicht wieder viel zu melden.

    Mit grosser Befriedigung vernehmen wir, wie sich die Zeichen
    des psa. Interesses jetzt von den verschiedensten Seiten häufen:
    Schweden, Russland, Brasilien usw. Wir können dazu auch einen intere-
    santen Beitrag liefern. Kürzlich kam aus Russland ein Brief an unser
    Institut vom Kommissariat der Sowjet-Regierung für Volksaufklärung.
    Darin wird mitgeteilt, man habe dort eine Zeit lang eine Versuchss-
    station für psa-Kindererziehung gehabt, die aber eingegangen sei (wie
    so viele andre Neuerungen). Man interessierte sich aber für pädagogische
    Schriften auf psa Grundlage und bat um Literatur-Angaben.

    Zur Circulation anbei ein Ausschnitt aus einer amerikan.
    kaufmännischen Zeitschrift. Sie zeigt, wie das Wort Psa dort missbraucht
    wird. Ganz ähnlich ist das neulich erhaltene Buch von Pierce. Solche
    Schriften sind keineswegs populäre Darstellungen der Psa, sondern nur
    ein neuer Aufguss der verbreiteten Schriften über Hypnose, aus
    denen man lernen sollte, wie man mit Hilfe der Hypn. Macht über andre
    gewinnen könne. Im beilieg. Prospekt ist am köstlichsten die Be-
    merkung über die Psa: „As easy to master as it is marvelous!“

    Wir freuen uns der zahlreichen Anmeldungen zum Kongress und
    hoffen, alle Teilnehmer gut unterbringen zu können.

    Die wissenschaftl. Beigaben zu den Briefen sind eine Verbes-
    serung, die wir unbedingt weiter pflegen sollten. Ein Beitrag von Jones
    geht nach Bp. weiter. (B. Ra., Wn, Mu), circuliert L-Bp-W.

    Hinsichtlich der ausländischen Patienten ist durchaus rich-
    tig, dass sich eine Unterbietung nicht ganz vermeiden lässt. Der im letz-
    ten Brief mitgeteilte Fall soll auch nur ein extremes Beispiel sein.
    Der Patient fragte an, ob ich es 5 fr. billiger als Oberholzer machen
    würde, und da konnte die Antwort nicht zweifelhaft sein.

    Unser Briefwechsel wird seinen Zweck nur dann wirklich er-
    füllen, wenn die von einer Seite geäusserten Vorschläge, Meinungen etc.
    von den andern unvoreingenommen geprüft werden. In letzter Zeit be-
    merken wir mit Bedauern, dass unsre Vorschläge von Wien aus oft ohne
    sachliche Prüfung zurückgewiesen werden. Speziell gilt das noch für per-
    sönliche Anregungen von mir (A). Gerade der letzte Brief bringt auf-
    fällige Beispiele.

    Betreffs des Vorschlages der 3 Münchener, den wir ja als erste
    missbilligt haben, bringst Du, lieber Rank, ein Argument vor, von dessen
    Unrichtigkeit Du Dich leicht hättest überzeugen können. Wittenberg ist
    Mitglied der Berliner Gruppe. Bezüglich Marcinowski aber brauchst Du
    Dich nur an den Schriftführer der Wiener Gruppe (I. Grünangergasse 3)
     

  • S.

    zu wenden und wirst dann hören, daß M. der Wiener Gruppe angehört.
    Demnach haben W. & M. also doch mitzureden, und gerade um eine solche
    Opposition zu vermeiden, haben wir die Angelegenheit unterbreitet.

    Ganz sonderbar ist aber Dein zweites Mißverständnis, als
    wäre von uns vorgeschlagen, die Gruppen sollten Anträge auf Diskus-
    sionen stellen können. Davon war mit keinem Wort die Rede. Vielmehr ha-
    ben wir um Meinungsäusserungen darüber gebeten, ob in besonderen Fällen 
    aus dem Kongress heraus der Wunsch nach einer Disc. geäussert werden kön-
    ne. Das hat nichts mit den Gruppen zu tun. Der Kongress könnte in schö-
    nen Fällen souverän entscheiden, ob diskutiert werden soll oder nicht. Wir
    baten um Anregungen, wie das etwa zu handhaben sei. (Dem Präsidenten
    sollte die Entscheidung nicht überlassen sein, denn damit wird ihm eine
    sehr unangenehme Aufgabe übertragen!)

    Ich wäre sehr froh, wenn der sicher unerquickliche Vortrag von
    Hattingberg nicht stattfände. Denn er dient sicher nur dazu, die Wider-
    stände H’s öffentlich zu erörtern. Dein Vorschlag, l. Rank, den Vortrag
    nur zuzulassen, wenn er die analyt. Situation zwischen Arzt & Pat. be-
    treffe, wird nicht viel helfen, weil es sich doch um etwas anderes kaum
    handeln kann.

    Ein vollkommenes Missverständnis liegt ferner hinsichtlich
    meines Vorschlags vor, den ich Weiss (Triest) gemacht habe: Es ist eine
    nicht sehr umfangreiche Arbeit „über einige Grundbegriffe der Psa“. Ich
    fand sie gut und geschickt abgefasst und riet W., sie auch in deutscher
    Sprache zu veröffentlichen, natürlich nicht in unserer Zeitschr., für die
    sie zu elementar ist; noch weniger als Buch in unserm Verlag, wozu die
    etwa 20 Seiten sich in keiner Weise eignen. Gemeint war eine Publikation
    wie in ital. Sprache, d. h. in einer psychiatr. Zeitschr., ev. in einer all-
    gemeinmedizinischen, da doch an informierenden Artikeln solcher Art kein
    Überfluss ist. Deine Mahnung, l. Rank, dem Hitschmannschen Buch kei-
    ne Konkurrenz entstehen zu lassen, trifft also an der Sache vorbei; lässt
    aber vor allem erkennen, dass Du ohne rechte Kenntnis der Sachlage
    bereit warst, ähnlich wie in den obigen Beispielen uns oder mir solchen
    Unsinn zuzutrauen.

    Diese etwas langatmigen Ausführungen haben nur den einen
    Zweck, unsre brieflichen Erörterungen von gelegentlichen Affekt-
    Beimengungen zu befreien. Gerade in einem Kreise wie dem unsrigen muss
    Derartiges zur Sprache kommen. Wir sind auch vollkommen überzeugt,
    dass unser aller Einvernehmen beim Vor- und ev. beim Nach-Kongress
    wieder ebenso gut sein wird wie im vergangenen Herbst.

    Ad Vor-Kongress: Am Sonntag den 24. Sept. wird eine Zusammenkunft
    nicht sein können, da der Tag schon durch Kongressvorbereitungen für uns
    Berliner, durch den Empfangsabend und wahrscheinlich durch eine Be-
    sprechung der Gruppenvorstände in Anspruch genommen sein wird. So müssten 
    wir also schon am 23. verhandeln, und zwar besonders alles für den Kongr.
    Wichtige, und das Übrige auf den Tag nach dem Kongr. lassen. Sachs
    erzählt, dass Sie, l. Herr Prof., unsre Verhandlungen gern etwas ausser-
    halb Berlins haben möchten. Das werden wir natürlich gern so arran-
    gieren.

    Wie soll der Briefwechsel während der Ferien gehen? Uns scheint,
    er dürfte sich auf Verabredungen über die Zusammenkunft beschränken,
    denn aus den Gruppen wird ja nichts zu melden sein.

    Von Reik hatte ich Briefe in der Referatenfrage. Ich antworte
    ihm dieser Tage und werde auch ihn bitten, den Brief Ihnen, l. Herr
    Prof., zu zeigen. Mit der Untätigkeit der hies. Funktionäre stimmt es
    nämlich durchaus nicht.

    Von uns dreien bleibt Eitingon den Sommer über hier. Sachs
    fügt seine Ferienadresse noch bei. Die meinige ist ab 16. Juli: Hotel
    Post, St. Anton am Arlberg, Tirol (Österr.)

                  Mit unsern besten Grüssen

                        Abraham     Sachs