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S.
5.7.11.
Prof. Dr. Freud Wien, IX. Berggasse 19.
Lieber Freund
Dies ist auch mein letzter Brief vor Karlsbad (Haus Kolumbus). Vor einigen Tagen verfaßte ich einen anderen Brief an Sie, der nicht abgeschickt wurde. Ich weiß nicht, hat meine Müdigkeit mich dabei scharfsichtig oder einfach depressiv gemacht. Der Brief war tief tragisch mit inneren Veränderungen beschäftigt und ist wegen des erwähnten Zweifels am lendemain1 liegen geblieben.
Wie die Adler‑Affäre in ihren Einzelheiten weiter verlaufen ist, wäre jetzt zu erzählen zu weitläufig. Auf Bozen! Genug, er ist jetzt aus Verein und Zeitung heraus, und ich bin mit Stekel, der sich konsequent treu erwiesen hat, auf sehr gutem Fuß. Ich hoffe, Ihre regere Beteiligung am Blatt wird eine der erwünschten Folgen dieser Veränderung sein.
Das neue Blatt2 stößt auf Schwierigkeiten. Bergmann will es nicht, behauptet, es wird dem Zentralblatt schaden, und da ich ihn für die Einstellung des Blattes in den Dienst der I.A.V. brauche, werde ich die Gründung wahrscheinlich um ein Jahr aufschieben.
Das Buch für Frau Polányi werde ich heraussuchen und, wenn gefunden, absenden. Der Mann mit den Gläsern ist noch nicht erschienen.
Dr. van Emden attachiert sich sehr an die -A, die er zu seinem Lebensberuf machen will. Er geht mit seiner Frau nach Karlsbad mit, wo ich ihm eine Stunde auf einem Nachmittagsspaziergang widmen werde. So habe ich doch auch etwas verständnisvolle und liebenswürdige Gesellschaft.
Wie geht es Ihrem Bruder, und was macht Frau G. (die ich herzlich zu grüßen bitte)? Ich bin noch so beschäftigt, daß ich am Tag der Abreise nicht vor 8 h zum Einpacken kommen werde.
Auf Wiedersehen in Bozen, wenn ich wieder bei Kräften bin, aber auf häufiges Hören von Ihnen, während ich die Kräfte sammle.
Ihr treu ergebener
Freud
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S.
Berggasse 19
Wien 1090
Austria
VII Erzsebét-kőrút 54
Budapest 1073
Hungary
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