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                                                             5 Okt 11

    Prof. Dr. Freud                           Wien, IX. Berggasse 19.

     

    Lieber Freund

    Ich will die Beantwortung Ihres Schreibens nicht von dem Erscheinen von Dr. Spitz abhängig machen und danke Ihnen für Ihren Gruß zur Eröffnung, den ich voll erwidere.

         Ihrer Lymphangiitis entspricht meine Periostitis1, die jetzt abklingt. Dafür bin ich in Wien von einem greulichen Schnupfen empfangen worden.

         Es geht noch wenig vor. Ich arbeite mit fünf Patienten, die meisten Anknüpfungen gehen auf späteres Datum.

         Das Erscheinen der neuen Zeitschrift bei Deuticke ist gesichert. Nächsten Mittwoch ist erste Vereinssitzung und Versuch, die Adlerrotte herauszudrängen.

         Ernst ist heute früh recht erholt vom Gardasee zurückgekommen. Ein neuer Hausarzt wird sich mit den beiden Kranken zu beschäftigen haben. Oli macht einen zufriedenen Eindruck.

     

         Eine neue Zeitschrift für +Pathopsychologie*, die sich im Vorwort zweideutig benommen hat, bietet sich brieflich als Bundesgenossin an (Specht2 in München).

         In Erwartung alles dessen, was dies Jahr bringen wird,

                                                         herzlich Ihr

                                                                Freud

     

         1    Knochenhautentzündung.

         2    Wilhelm Specht (1874-?), deutscher Psychiater, arbeitete seit 1907 bei Kraepelin in München und wurde 1914 außerordentlicher Professor für Psychiatrie an der dortigen Universität; Begründer und Herausgeber der Zeitschrift für Pathopsychologie (Leipzig), deren erste Nummer im August erschienen war. Sein Brief war von Freud an Jung geschickt worden, der ihn in seiner Antwort kommentierte (6.10.1911, Briefwechsel, S. 491f.). In seinem Vorwort führte Specht den Vorwurf an, daß Freuds Lehre im Widerspruch stehe "zu den sicheren Erfahrungen klinischer Psychiatrie. Und sicher ist, daß er [Freud] die psychologischen Grundbegriffe, die er verwendet, eigenmächtig konstruiert hat, ohne Fühlung mit der Psychologie." Vgl. Reitlers Rezension im Zentralblatt (1911-12, 2: S. 407-409).