• S.

    PROF. DR. FREUD
    WIEN, IX. BERGGASSE 19. 

    30.XII.12

    Lieber Freund

    Obwol schreibmüde, will ich Sie nicht ohne 
    Neujahrsgruß u Antwort auf Ihre beiden 
    Briefe lassen. Also Prosit dem voraussicht-
    lichen schwierigen 1913!

    Rank wußte nichts von meiner Absicht ihn 
    nach Bpest zu begleiten. Ich bin auch so egoistisch 
    eher froh zu sein, daß Sie ihm abgesagt haben, 
    denn nur so konnte ich recht u schlecht, trocken 
    u flüchtig den Allmachtaufsatz, der mich 
    fürchterlich gedrückt hat, fertigmachen. 
    Auch hätte ich mir Vorwürfe machen können, 
    daß ich nicht zum 80sten Geburtstag meines 
    Bruders nach England gefahren bin.

    Ich hoffe, die Nachrichten über Ihre Besserung 
    werden sich diesmal nicht als „stark über-
    trieben“ herausstellen. Werden Sie’s glauben 
    oder böse darüber sein, daß ich Ihren 
    autoanalytischen Brief zwar gelesen aber 
    noch nicht studirt habe, wie ich sollte.? 
    So habe ich Ihre neurotische Absicht halb 
    vereitelt. Trotzen Sie mir also etwas ab!

    Ich war eben ganz Allmacht, ganz 
    Wilder. So muß man es halten, wenn 
    man mit etwas fertig werden will.

  • S.

    Meynert diktierte einem (heute †) Kollegen seine 
    Psychiatrie, als ihm dieser sein Ausbleiben 
    für den nächsten Tag ankündigte wegen 
    des 70 Geburtstages seines Schwiegervaters. 
    Die Antwort war: Erschlagen Sie Ihren 
    Schwiegervater u kom̄en Sie doch!

    Der Brief an Jung ist nicht abgegangen und 
    wird durch keinen anderen ersetzt 
    werden. Er soll mich gern haben, ich 
    brauche ihn u seine Freundschaften so 
    wenig wie seine Falschheiten.

    Ich kom̄e eben aus dem Don Juan 
    (wegen Absage meiner Abendpatientin). 
    Bei der Stelle in der Malzeitszene: Diese 
    Musik kom̄t mir außerordentlich bekannt 
    vor , machte ich eine gute Anwendung 
    auf die gegenwärtige Situation. Ja auch 
    diese Musik kom̄t mir sehr bekannt 
    vor. Ich habe das alles vor 1906 schon erlebt, 
    dieselben Einwände, dieselben Prophezei-
    ungen, dieselben Proklamationen, daß ich 
    jetzt abgetan sei. Es kam anders. 
    Es wird mich nicht überraschen, wenn es 
    auch jetzt anders kom̄t, wo der Sturm 
    nicht von außerhalb, sondern von innerhalb, 
    weht, der Widerstand von den sogenan̄ten 
    Analytikern selbst ausgeht. Wenn mir 
    4‑5 Gehilfen bleiben, trotze ich ihm genau 

  • S.

    so gut, wie ich ihn damals 
    allein bestanden habe.

    Daß Sie die angebotene Stellung abgelehnt 
    haben, war sehr vernünftig. Die Praxis 
    wird sich plötzlich heben. In Zürich war 
    vor einem halben Jahr auch so eine Baisse.

    Den Aufsatz von Vogt kenne ich nicht, aber 
    rate Ihnen unbesehen von der Reaktion 
    ab. Arbeiten wir weiter. Vielleicht ist 
    schon die Kritik an den Zürichern zuviel. 
    Aber natürlich, das müßen wir; sie haben 
    es verlangt, werden aber nicht verfehlen, 
    böse darüber zu werden.

    Frau G. will von ihrem Lieblingsplan 
    noch im̄er nicht lassen; sie meint, es sind 
    d wäre doch das beste gewesen. Ich 
    durfte ihr endlich antworten, ich sei nicht 
    dieser Meinung. Sie war leider nur 
    sehr kurz bei uns.

    Sophies Bräutigam bringt diese Tage 
    bei uns zu bis zum ersten abends. 
    Sie sind still glücklich miteinander.

    Ich grüße Sie herzlichst 
    Ihr 
    Freud