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S.
30.XI.11
Prof. Dr. Freud Wien, IX. Berggasse 19.
Lieber Sohn
(Bis Sie sich die Titulatur wieder verbittenA.) Es gehen in der Welt allerlei ärgerliche Dinge vor, die zum Schreiben nötigen. Bleuler ist unausstehlich, ist wieder aus dem Verein ausgetreten, hat mir geschrieben1. Ich habe ihn dafür beschimpft und erwarte nun weitere Nachrichten vom Kriegsschauplatz.
Die Beilage dieses Briefes schickt Ihnen Jung und läßt Sie bitten, +affektlos darauf zu reagieren und vielleicht die ethisch indifferente Stellung desB α Interesses gegenüber den praktisch‑ hygienischen Bestrebungen hervorzuheben*. Aufsatz wie Ihre Reaktion2 sind fürs Jahrbuch bestimmt und sollen entweder an Jung oder an Deuticke zurückkommen. Das sollen Sie von ihm selbst erfragen.
Die Totemarbeit ist eine Schweinerei. Ich lese dicke Bücher ohne rechtes Interesse, da ich die Resultate schon weiß, mein Instinkt sagt mir so;C sie müssen aber durch alles Material hindurchgeschleift werden, unterdes verdunkeln sich die Einsichten, es gibt viele Dinge, die nicht stimmen wollen und doch nicht gezwungen werden dürfen, ich habe nicht jeden Abend Zeit usw. Mitunter ist mir, als hätte ich nur eine kleine Liaison anknüpfen wollen und entdeckte in meinem Alter, daß ich ein neues Weib heiraten muß.
Ich arbeite tüchtig von 8 ‑ 8 h, aber für die Jungen habe ich sehr wenig, und die verrohen rasch, wenn sie nicht beschäftigt sind.
Dr. Spitz hat etwas den Großartigen gespielt, ist dafür mit Entziehung von drei Stunden gestraft worden und scheint es seither ernsthafter nehmen zu wollen. Die Triebfedern sind stark vermindert, da er seinem Vater nachgeben und nicht Arzt bleiben will. Immerhin ist er recht nett.
Meine interessanteste Patientin ist jetzt die Wallentin‑ Metternich3, leider nur für kurze Zeit.
Ich grüße Sie herzlich mit vollem Verständnis für alle die Komplikationen, unter denen Sie stehen.
Weiber, Widersacher, Schulden!
Ach, kein Ritter wird sie los.4
Ihr
Freud
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A In der Handschrift: verbieten.
B In der Handschrift: der.
C In der Handschrift steht an dieser Stelle kein Satzzeichen.
1 In einem Brief vom 27. November (Library of Congress) hatte Bleuler an Freud geschrieben, daß er schon wieder aus der psychoanalytischen Vereinigung austreten mußte, weil seinem Sekundararzt die Teilnahme an den Vereinssitzungen untersagt worden war.
2 Es geht um Bleulers Kritik an Ferenczis Arbeit über Homosexualität und Paranoia und Ferenczis Gegenkritik (siehe 245 Fer und Anm. 4).
3 Claire Wallentin-Metternich (1879-1934), Wiener Schauspielerin, die bis zu ihrer Scheidung 1915 mit Gisbert Graf Wolff-Metternich zur Gracht verheiratet war.
4 Schlußvers aus Goethes Ballade >Ritter Kurts Brautfahrt< (1804) (Sophienausgabe, Band 1, S. 176f.).
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S.
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