• S.

                                                              1.2.12.

    Prof. Dr. Freud                           Wien, IX. Berggasse 19.

     

    Lieber Freund

    Ich habe seit langem keinen Brief bekommen, in dem sich die Wahrheiten so gedrängt hätten wie in Ihrem letzten. Zum Glück sind es nicht lauter traurige.

         Also zuerst Ihr Hahnemann. Er ist einfach köstlich und wird eine große Zukunft haben. Sie werden aber hoffentlich nicht glauben, daß ich ihn einfach für mich konfiszieren will, das wäre zu gemein (von mir). Sie sollen ihn nur nicht publizieren, bis ich mit der infantilen Wiederkehr des Totemismus herausrücken kann, so daß ich mich dort auf ihn berufe. Die Lücke, ob die Kastrationsdrohung vor oder nach dem Abenteuer erfolgte, werden Sie hoffentlich noch ausfüllen.1 Sie ist sehr bedeutsam. Über die Kastration habe ich ähnlich kühne Gedanken wie Sie gehabt. Ob das eifersüchtige Vater‑Männchen der Darwinschen Urfamilie die Jungen wirklich kastrierte, ehe es sich damit begnügte, sie wegzujagen, das wollten wir allerdings gerne wissen.2

         Ihre Arbeitsabsicht scheint mir sehr brauchbar, und ich hoffe, die Ausführung bald folgen zu sehen.

     

         Was Sie mir über die Veränderungen in Ihrem Verhältnis zu Frau G. berichten, war gar nicht überraschend. Ich hatte vermutet, daß es zuerst wieder so und dann doch wieder so kommen würde. Da ist nichts zu schämen, wenngleich es nicht recht ist. Bei Elma geht in der Tat etwas vor. Wir kommen weiter, es gelingt durchzudringen und die Vateridentifizierung, die als Prüderie das Haupthindernis der Arbeit war, die vielleicht auch ihren großen Anteil an dem manifesten Narzißmus hat, zu durchbrechen. Heute war das erste Zeichen einer selbständigen Denkbeteiligung, gleich eine vortreffliche Einsicht, zu konstatieren. Wenn es nun weiterhin gelingt und sie ihren Infantilismus (das ist schließlich die einzig gerechte Diagnose) ablegt, so wird eine neue Situation entstehen, die keineswegs an die alte anknüpfen muß. Auch Sie werden sich von neuem entschließen müssen und mit einem Faktor mehr zu rechnen haben. Von ihrer bisherigen Liebe zu Ihnen halte ich wenig; ich weiß nicht, ob sie der Analyse standhalten wird.

         Was Sie mir über Jung und die Fragen der Zukunft schreiben, hat seine Wirkung bei mir nicht verfehlt. Enthält es doch genug des Schmeichelhaften, um der Logik gut empfohlen zu sein. Es ist ja eigentlich nichts vorgefallen. Wenn er nach der Pause, die er in unserem Briefwechsel kommandiert hat, wieder zu schreiben beginnt, wird alles im Geleise sein. Aber bei mir ist es anders. Ich versuche mich mit der Idee zu versöhnen, daß man auch dieses Kind der [COMMENT1]  überlassen muß, ziehe wieder ein Stück ausgesetzter Libido an mich und werde die krampfhaften Bemühungen, ihn vorzuschieben, einstellen. Was ich noch arbeiten kann, wird ohne jede persönliche Rücksicht geschehen. Das gemeinsame Interesse wird dafür sorgen, daß wir zusammenhalten, auch ohne die intimen Gefühlsbeziehungen zu entwickeln. Ranküne ist bei mir keine. Die Ichvergrößerung ist mir allerdings immer peinlich, ich vertrage sie so schlecht wie die Ehrgeizbefriedigung (vide New York). Muß ichA wirklich immer recht haben, immer der bessere sein? Es wird einem auf die Dauer recht unwahrscheinlich.

         Daß sich dabei mein Mißtrauen von neuem verrät im Moment, wo ich mich durch eine neue Anlage zu entschädigen suche, ist Ihnen nicht entgangen.

         Die Tabu‑Ambivalenzfrage ist vor einigen Tagen plötzlich zusammengegangen, fast mit einem hörbaren +Ruck* eingeschnappt, und seither bin ich wie blöde. Mein Interesse ist zunächst erloschen, ich muß warten, bis es sich wieder ansammelt. Die letzte Ö Formulierung des Verhältnisses habe ich noch in Schwebe gelassen. Mit der Auffassung, die Sie vertreten (wiederum Konflikt der zwei Triebe) kämpft noch eine andere, die mir anziehender scheint. Es ist noch nicht recht spruchreif.3

     

         An die Society for Psychical Research habe ich einen Artikel über das Unconscious bereits abgeschickt. Die Januarnummer des Zentralblattes werden Sie sogleich erhalten, meine ist heute gekommen.

         In Zürich tobt jetzt ein Sturm in den Zeitungen gegen die -A.4 (Habe ich Ihnen nicht schon davon geschrieben?) Ich weiß nur durch einen Zufall davon, Sadger hat von einer Patientin die Nummern bekommen. Maeder hat mir dann gestern mitgeteilt, daß sie eine populäre Verteidigungsschrift herauszugeben beabsichtigen. In Wien werde ich bei den verschiedenen Anlässen der letzten Zeit (Appels Traumspiel von Bergers Novelle5) grundsätzlich nicht mit Namen genannt, und das ist viel angenehmer.

         Herzlichen Gruß und Erwartung Ihrer Nachricht.

                                                                  Ihr

                                                                Freud

     

     

    _________

    A Unterstreichung nicht eindeutig lesbar; es könnte sich auch um     einen besonders langen Ausstrich des +r* im darunterstehenden Wort   +immer* handeln.

     

         1    Es gelang Ferenczi nicht, die Chronologie sicherzustellen. Siehe seine Diskussion über diesen Punkt in >Ein kleiner Hahnemann< (1913, 114; Schriften I, S. 166).   

         2    Siehe Totem und Tabu (Freud 1912-13a, S. 152f.).

         3    In Totem und Tabu schreibt Freud, daß wir "nichts über die Herkunft dieser Ambivalenz" wissen (1912-13a, S. 189) und daß sie "ein fundamentales Phänomen unseres Gefühlslebens" oder "an dem Vaterkomplex erworben" sein könne (ib.).

         4    Vgl. Freud/Jung, 23.1.1912, Briefwechsel, S. 534f. und Ellenberger, Unbewußtes, S. 1086ff.

         5    Vermutlich Wilhelm Appel (1875-1911), dessen Drama >Hans Sonnenstößers Höllenfahrt< (1911), das 1912 im Wiener Volkstheater gespielt wurde, als erstes "Traumspiel" gilt.

    Alfred Freiherr von Berger (1853-1912) war Schriftsteller und Professor für Ästhetik an der Universität Wien und, seit 1910, Direktor des Burgtheaters. Er hatte 1896 eine positive Rezension der Studien über Hysterie (Freud, mit Breuer, 1895d) veröffentlicht. Seine Novelle: Hofrat Eysenhardt (Wien o.J.).

     [COMMENT1]An dieser Stelle steht wieder auf griechisch: ANANKE