• S.

    PROF. DR. FREUD
    WIEN, IX. BERGGASSE 19.

    20.6.11

    Lieber Freund

    Anbei der Brief von Jung. Er ist sehr 
    liebenswürdig, halten Sie ihn sich warm, 
    von seinen astrologischen Studien 
    weiß ich übrigens. 

    Ihr Besuch um die angezeigte Zeit ist 
    mir wie zu jeder anderen sehr angenehm. 
    Wir werden vielleicht Mühe haben, 
    Ihnen Unterkunft zu schaffen, also 
    bitte um rechtzeitige Anmeldung! 

    Die Sache mit Adler ist jetzt akut. Er hat 
    durch den Advokaten Bedingungen 
    an seinen Austritt aus dem Blatt 
    knüpfen lassen, die von lächerlicher 
    Anmaßung zeugen und ganz unannehmbar 
    sind. Gleichzeitig wird nach seinem Aus-
    tritt aus dem Verein eine Aktion 
    gegen mich unternom̄en, die in einer 
    Erklärung, Diskussion in einer außer-
    ordentlichen Vollversam̄lung u 
    eventuellem Austritt gipfeln soll. 
    Die Zal dieser Anhänger ist nicht gering. 
    Ich habe die Neigung, so intransigent 
    als möglich zu sein u bei dieser 

  • S.

    Gelegenheit alles, was störend ist, abzustoßen. 
    Ob aber die Majorität mir folgen wird, 
    weiß ich nicht. Jedenfalls ist dort die ganze 
    Mythologie: Aggression, Rückendeckung, 
    Scharfmachen, oben und unten in Szene 
    gesetzt u bei mir hat noch der Beschluß 
    die Oberhand, Verein u Blatt zu 
    behaupten. Für den 28. ist eine Zusam̄en-
    kunft im Prater von mir angesagt. 
    Bis dahin wird sich das meiste ent-
    schieden haben. 

    Sonst wenig Neues, ich zäle die Tage 
    bis zum Urlaub, sie vergehen langsam. 
    Die Traumdeutung ist fertig u soll 
    noch vor meiner Abreise erscheinen 
    u verschickt werden. 
    Ich grüße Sie herzlich 
    Ihr 
    Freud