• S.

    Wien, am 23 Dez 1912

    Lieber Freund

    Ich mache mir auch das Vergnügen, Ihnen 
    auf unserem Papier den Weihnachtsgruß 
    zu schreiben. Sie können sich denken, daß ich 
    Ihnen nichts so dringend wünsche als Genesung 
    von der langweiligen Geschichte. Wir haben 
    es sehr recht gefunden, aber es sehr bedauert, 
    daß Sie nicht zu Abrahams Anwesenheit hieher 
    gekommen sind. Rank, der alle Tage unent-
    behrlicher wird, hat Sie ja sondiert, ob Sie 
    Besuch wünschen. Mir war ehrlich gestanden 
    Ihre Absage doch Recht, weil ich in größtem 
    Gedränge mit der dritten Übereinstimmung 
    bin.

    Ihre Vorschläge zur Namensänderung sind leider 
    durch die Situation erledigt. Der Profit 
    wäre nicht so groß, um das Ärgernis beim 
    Verleger mit Ankündigungen u Drucksorten 
    zu rechtfertigen. „Medizinisch“ hatte ich übrigens 
    zuerst u habe es der Pädagogen wenig ver-
    worfen.

    Die peinliche Sensation des Tages ist der beiliegende, 
    seit ich das Schämen darüber überwunden 
    habe, auch Rank u Sachs bekannte Brief 

  • S.

    von Jung. Ich darf wol sagen, er ist unerhört frech. 
    Zur Vorgeschichte bemerke ich, daß er unlängst 
    geschrieben, er habe die Absicht, eine Kritik über 
    Adler zu machen. Ich darauf, es würde gut sein, 
    weil in Wien hartnäckig verbreitet würde, 
    daß er nochmal zu Adler abschwenke. Darauf er: 
    er habe Einsicht in eine Kritik von jener 
    Seite, aus der hervorgeht, daß „nicht einmal 
    Adler u Spießgesellen mich zu den Ihrigen 
    rechnen“. Darauf fragte ich bei ihm an, ob er 
    objektiv genug sei, sich über dies Verschreiben 
    nicht zu ärgern, und nun darauf sein Brief.

    Schwierig ist die Reaktion darauf. Er ist ja 
    offenbar angelegt mich zu provoziren, so 
    daß die Schuld des Abbruchs auf mich 
    fällt und er sagen kann, ich vertrage die 
    Analyse nicht. Anderseits, wenn ich ruhig 
    u gemäßigt antworte u ihn behandle 
    wie einen unserer Pat., wenn er einen 
    Schimpfanfall bekom̄t, meint er, ich fürchte 
    mich u wird noch kühner, oder ich kann 
    ihn unentwegt weiterbehandeln. In solcher 
    Verlegenheit schiebe ich die Reaktion 
    auf, besonders bis unsere Zeitschrift ¿¿¿¿ 
    unter Dach ist u schicke den lammherzigen 
    Antwortentwurf Ihnen anstatt ihm..

    Die Lektionen, die er in München 
    bekommen hat, sind also bereits ver-
    gessen. Meine Neurose in Ehren, ich

  • S.

    hoffe, ich beherrsche sie recht gut. Aber er 
    benimt sich wie ein florider Narr u 
    brutaler Kerl, der er ja ist. Der Meister, 
    der ihn analysirt hat, kann nur Frl. 
    Molzer gewesen sein, u er ist so töricht 
    auf diese Arbeit eines Frauenzim̄ers, 
    mit der ein Verhältnis hat, stolz zu 
    sein. Wahrscheinlich ist sie es, die ihn sofort 
    wie er nach Z zurückgekehrt ist, aufgehetzt 
    hat.

    Meine Konstruktion der Totemmalzeit 
    bewährt sich praktisch, von allen Seiten 
    fallen die „Brüder“ über mich her, 
    voran natürlich die „Religionsstifter“. 
    Ein Pat. hat unlängst eine Woche lang nichts 
    herausgebracht, weil er die Grausamkeit 
    nicht leisten konnte, mich zu erinnern, 
    daß ein Bruder oder Onkel von mir 
    als Raubmörder hingerichtet worden sei. 
    Ein Dr. Birstein aus Odessa, der als eifriger 
    Adlerianer nach Wien gekom̄en ist, hat 
    einen Pat. von mir mit aller Gewalt 
    zu A. bringen wollen und ihm erzält, 
    ich sei so ehrgeizig, weil ich der Sohn 

  • S.

    eines Schames sei u leide an Agoraphobie. 
    Usw. usw. Von Zürich verlauten ähnliche 
    freundliche Dinge. Es ist etwas Schönes, Ge-
    setzmäßiges an der Sache, aber es gehört 
    ein guter Magen dazu.

    Harnik habe ich ganz in Ihrem Sinne Bescheid 
    gegeben, den Vorschlag aber gar nicht 
    ins Plenum gebracht, sondern im Ausschuß 
    erledigt. Seine Beleidigung wird für die 
    weitere Erfüllung Ihrer Absichten sorgen. 
    Er wird den Weg zu Adler schon finden.

    In der gegenwärtigen Krise möchte 
    ich vor allem die Existenz unserer 
    Organe nicht gefährden. Ich glaube 
    aber, Jung fürchtet die Eventualität 
    einer Auflösung des Vereins mehr 
    als wir u will mich jetzt vom Verein 
    aus aufsaugen. Ich werde sehr reservirt 
    bleiben, nehme aber Ihre – gekühlten – 
    Ratschläge sehr gerne entgegen.

    Mit herzlichen Grüßen 
    u Wünschen für rasche Beendigung der rein 
    somatischen Symptome 
    Ihr 
    Freud