S.
W i e n 9
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Dezember 1920
Liebe Freunde!
Wir bestätigen den Empfang von Budapest 7, Berlin und London 8.2 Was die Korrespondenztage betrifft, so sind wir, wie bereits erwähnt, der allgemeinen Meinung, daß alle Briefe am gleichen Tage regelmäßig ab- gehen sollen. Der Berliner Dekanden-Vorschlag erscheint uns jedoch wegen des damit verbundenen stetigen Wechselns der Wochentage nicht besonders zweckmäßig; wir sind für Fixierung eines bestimmten Wo- chentages, an dem alle Rundbriefe gleichzeitig abgehen, und stellen die Wahl zwischen dem bereits genannten Montag (an welchem dieser Brief bereits abgeht) oder einen anderen zu fixierenden Wochentage. –
ad Budapest: Bei Deuticke besteht kein Verdacht einer unreelle Hand- lungsweise beim Verkauf der Introjektion-Broschüre; auf eine Preiser- höhung hat der Autor keinen Einfluß, partizipiert jedoch daran, wenn es sich um einen Kommissionsvertrag handelt.
Von hier ist folgendes zu berichten:
Bibliothek Heft (Pfister)3 und 9 (Kolnai)4 sind erschienen; an 10 (Abra- ham)5 wird fleißig gesetzt und bald fertig. Ferner erschienen vom Profes- sor Jenseits des Lustprinzips, Alltagsleben, 7. Aufl., Totem 2. Aufl., Vorlesungen 3. Aufl. bei uns. Deuticke verspricht die seit einiger Zeit vergriffene Neuauflage (die 6.) der Traumdeutung für Januar. Nachdem wir die in unserem Verlag erschienenen Werke des Professors zur spani- schen Übersetzung überlassen haben, hat nunmehr auch Deuticke die üb- rigen Werke demselben Verleger verkauft, der eine Gesamtausgabe in spanischer Sprache veranstalten will. Wir haben Levi-Bianchinis italieni- sche Bibliothek, von der bisher zwei Hefte (Freud, Fünf Vorlesungen und Über den Traum) erschienen waren, in unseren Verlag übernommen und beginnen bald mit dem Druck der nächsten Nummer (Rank, Mythus der Geburt d. Helden), welche bereits seit der Zeit vor dem Krieg in Übersetzung fertig liegt; dann folgt rasch die Drei Abhandlungen.
The British Journal of Psychology gibt jetzt auch eine »Medical Section« heraus, von der die erste Nummer (mit Datum October 1920) jetzt er- schienen ist. Herausgeber ist Mitchell6 (associate member der Londoner Gruppe), Mitredakteure Jones und Rivers (auch associate m., sowie Constance Long7 (Jungianerin). Die erste Nummer bringt eine ganze An- zahl psychoanalytischer Arbeiten, worunter zu unserer Überraschung auch eine Arbeit von Jones, die gleichzeitig in der 2. Nummer unseres Journal zum Abdruck kommt (No. 2 des Journal ist gestern versandt worden). Von Mitarbeitern aus unserer Gruppe ist eine in der 1. Nummer noch vertreten: Mrs Riviere und Stanford Read. Ferner enthält die Nummer ein ausführliches Referat unserer deutschen Zeitschrift. – Mit- chell hat sich wegen Tausch mit unserer Zeitschrift an uns gewendet und ist bereit uns für unsere beiden deutschen Zeitschriften zwei Exemplare seines Journal zu schicken. Das zweite Expl. soll nach dem Vorschlage von Jones an Ferenczi gehen, dem ich aber nahelegen möchte, es auch weiter der Bibliothek der Poliklinik schicken, für die wir doch einen Bü- cherstock sammeln wollen.
Beim Jahresbericht scheint der Termin bis zum Dezember den meisten zu kurz und wir werden ihn wohl etwas verlängern müssen. Der junge Flournoy der sich selbst bereitwilligst für das ziemlich umfangreiche Ref. über französische Literatur angeboten hat, schreibt leider ab. Aller- dings mit der triftigen Begründung, daß er in den nächsten Tagen mit ei- ner Roten-Kreuz-Mission für mehrere Monate nach Japan und Sibirien gehe; er empfiehlt seinen Schwager Dr. Raymond de Saussure für diese Arbeit, dem er auch das bereits von ihm vorbereitete Material übergeben hat.
Bezüglich der zu errichtenden Referaten-Zentrale ist im Zusammenhang mit unseren Erwägungen die Idee aufgetaucht, diese in Berlin zu errich- ten, wobei Reik in diesem Falle gerne übersiedeln würde, wenn es sich machen ließe. Doch ergeben sich dabei noch verschiedene Schwierigkei- ten. Der Prof. hat zunächst privat an Abraham8 in der Sache geschrieben, daß die Antwort abgewartet werden muß.
Der Professor hat durch seinen Neffen9 einen Antrag für Amerika be- kommen, der ihn ab Anfang Jänner auf ein halbes Jahr dorthin verpflich- ten würde, zur Abhaltung von Vorlesungen und Behandlung von Patien- ten, bei einer garantierten Summe von 10.000 Dollars. Überfahrt und Aufenthaltskosten hätte der Professor aber aus dieser Summe selbst zu bestreiten gehabt. Diese Bedingungen schienen dem Professor unbefrie- digend und er hat abgekabelt.
Mit diesem Rundbrief wollen wir schon einen literarischen Teil eröffnen und wären für entsprechende Mitteilungen auch dankbar, besonders Jo- nes, wenn er den interessanten Teil seines redaktionellen Einlaufs, wie er ihn in seiner Korrespondenz mit mir anzeigte, auch den anderen zugäng- lich machte.
Wir erhielten eine Arbeit von Hattingberg über den nervösen Charak- ter10, welche zwar die Einseitigkeit Adlers gut kritisiert, aber selbst in den Fehler verfällt, die Neurose auf dem Boden eines »neurot. Charak- ters« entstehen zu lassen; dieser n. Ch. wird gezeigt, wie er auf der Am- bivalenz basiert, die doch bekanntlich ein primitiver (Wilder, Kind) aber doch kein neurotischer Charakterzug ist.
Ferner von Nachmansohn11 (Zürich) die Analyse eines Falls von Homo- sexualität, auf Grund deren er die H. als Zwangsneurose auffassen zu müssen glaubt.12 Der Prof. machte ihn darauf aufmerksam, daß bereits Ferenczi diese irrtümliche Bezeichnung vorgeschlagen hatte. Die Analy- se ist aber sonst sehr gut und interessant und hält sich von dieser Theorie doch frei.
Endlich eine reizende Kinderanalyse von Frau Spielrein, die bald veröf- fentlicht werden soll.13
Die Sammlung von Kinderbeiträgen für das Buch14 scheint erste Fort- schritte zu machen und wir danken für die bisher eingegangenen Beiträ- ge.
Endlich schließe ich diesmal den ersten bibliographischen Bericht an, der womöglich in den Ortsgruppen vorgelesen werden, oder dort zirkulieren soll (vermittels der Referaten-Sekretäre wären dann die betr. Fachrefe- renten auf die Arbeiten ihres Gebietes aufmerksam zu machen und die Ergebnisse der Umfragen zur definitiven Verteilung uns wieder einzu- senden. Die Bibliographie geht auch an diejenigen vom Rundbrief aus- geschlossenen Gruppen: Holland und Schweiz.
Mit herzlichen Grüßen
Rank Freud