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S.
5. 7. 14
PROF. DR. FREUD WIEN, IX. BERGGASSE 19.Lieber Freund
Eine böse Zeit zum Briefschreiben. Die
intensivste Arbeit des ganzen Jahres (8-10 h abends),
dabei eine lähmende Hitze, die man nur
verträgt, weil man keine Zeit hat, sich
um sie zu kümmern. Ich habe es sehr gut
bestanden, warte jetzt auf das Ende
der heute einsetzenden Woche. Leider
ist unsere Abreise selbst in Frage gestellt.
Die Arbeit beendige ich jedenfalls zu
dem genannten Termin. Meine Schwägerin
hat sich vor 8 Tagen mit einer sehr
heftigen Influenza gelegt, fiebert noch
heute u entwickelt bronchopneumon-
ische Herde, deren Verlauf bekannt-
lich besonders langwierig und
tückisch ist. Sollte sie in 8 Tagen fieber-
frei u rekonvaleszent sein, so
werden wir sie in ein Sanatorium
bringen u nach Karlsbad gehen, im
anderen Falle ist natürlich alles
unsicher.
Ich nehme an, Sie haben auch noch keine
Reaktion auf die Bombe erhalten.
Wir können ja noch 14 Tage warten,
etwa bis zum Tagesdatum des -
S.
Kongresses, dann müssen Sie wohl mit der
direkten, so vornehm gehaltenen
Anfrage herausrücken. Von dem Erfolg
dieses Schrittes hängt dann alles weitere
ab.
Unter den schriftlichen Rückäußerungen
auf die Versendung der „Bombe“
schienen mir die von Lou Salomé und
von Liebermann die aufrichtigsten.
In Wien ist das Verhalten „ambivalent“.
Unser Wiedersehen im Sommer bleibt
aufrecht. Ob es in Seis sein kann, ist also
auch noch nicht bestimmbar, wie jetzt
überhaupt alles ins Schwanken geraten
ist. Aber es macht Ihnen wohl nichts, wenn
Sie Ihre letzte Reiseabsicht nach unserem
Aufenthalt abändern.
Die Traumdeutung ist fertig, noch nicht
erschienen. Ihr holländischer „Tr und
Mythus“ hat mich sehr erfreut.
Ich hoffe, daß bei Ihnen alles wohl
ist u grüße Sie herzlich
Ihr Freud
Meine Kleine hat Heu- und Keuch-, wie
sie sagt, überwunden u will am 7/7
über Dresden-Hambg nach England.
Berggasse 19
Wien 1090
Oostenryk
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