-
S.
[Briefkopf Wien] 4. I. 24
Lieber Freund,
Ich habe so viele Ihrer freundlichen Briefe unbeantwortet gelassen, daß ich heute geradezu froh bin, Ihnen wegen eines sachlichen Punktes schreiben zu müssen. Obwohl die Sache selbst nichts Erfreuliches an sich hat.
Auf den psychoanalytischen Fond ist jetzt nämlich nicht zu rechnen. Von den entwerteten Mark abgesehen, enthält er noch etwas über 20 Pfund, was ich als strenges Geheimnis zu hüten bitte. Ich wäre selbst gern in die Bresche gesprungen, aber ich habe seit einem halben Jahr nur ausgegeben und nichts erworben. Infolge der zahlreichen Weihnachtsbesuche aus Berlin habe ich in der letzten Zeit viel von Ihnen gehört und über Sie gesprochen. Ich habe mich sehr gefreut, nur Gutes gehört zu haben, so daß also wenigstens Ihr Optimismus nicht unbegründet ist. Weihnachtsbesuche, die -
S.
mir persönlich galten, hatte ich alle mit der Motivierung, die Sie selbst angeben, abgelehnt, nur mein Sohn Oliver war mit seiner jungen Frau um diese Zeit bei uns. Ich wollte es doch nicht länger aufschieben, die liebe neue Tochter kennen zu lernen.
Ich bin noch keineswegs beschwerdenfrei oder aus den Behandlungen entlassen, aber ich habe am 2. des Monats meine analytische Tätigkeit wieder begonnen und hoffe, es wird gehen.
Mit herzlichen Grüßen und Neujahrswünschen für Sie und die lieben Ihrigen
Ihr Freud
Berggasse 19
Wien 1090
Oostenryk
Bismarckallee 14
Berlin – Grunewald 14193
Duitsland
C15F2