• S.

    [Briefkopf Wien] 28. XI. 24

    Lieber Freund
    Ich habe Ihr Präsidialschreiben in der Vereinigung verlesen lassen, was wohl in Ihrer Absicht lag. Heute will ich in unförmlicher Art meine Monatsberichte als Vorsitzender beginnen. Sagen Sie es aber, wenn Ihnen eine andere Form zweckmäßiger erscheint.
    Es ist wenig mitzuteilen. Der Verein hat in der Generalversammlung mich zufolge meiner Zuschrift wiedergewählt. Federn ist Stellvertreter, Bernfeld und Rank Sekretäre, Reik Bibliothekar. Bei der Revision der Gäste wurde Dr. Urbantschitsch das Gastrecht entzogen. Die Mehrzahl der jüngeren Elemente mißbilligte die geräuschlose [sic] und geschmacklose Reklame, die er für seine Praxis in Wien entfaltet. Einige der Älteren sind auf seiner Seite, Federn war tief gekränkt über diese Behandlung seines Analysanden, obwohl er weder dem Urteil über dessen geringe intellektuelle Eignung noch dem über seine Unzuverlässigkeit und mangelnde Wahrheitsliebe widersprechen konnte.
    Die Deutsch hielt in der letzten Sitzung am 26. XI. einen all- gemein belobten Vortrag über die Menopause der Frau. Ich sah sie heute, wo sie mir einen Plan vorlegte, ein neues Lehrkomitee zu bilden und den psychoanalytischen Unterricht im engen Anschluß an das Berliner Muster auszugestalten. Ich bin einverstanden und hoffe, sie wird damit durchdringen. Es ist ein Versuch, die Hitschmannsche Mißwirtschaft zu beseitigen.

  • S.

    Nicht in den Rahmen des Vereinslebens gehört ein Erlebnis von mir, das bedeutungsvoll werden kann. Der Physiologe Durig, der Obersanitätsrat und als solcher höchst offiziell ist, hat mich zu einem Gutachten über die Laienanalyse aufgefordert, ich habe es ihm schriftlich geliefert, dann mündlich darüber konferiert, und es ergab sich eine weitreichende Übereinstimmung zwischen uns. Ich hoffe, nun in all solchen Fragen von den Autoritäten angehört zu werden.
    Meinen Brief an Eitingon mit der Schilderung des Abschieds von Rank werden Sie bereits gelesen haben. Ich hoffe, Ferenczi hat Ihnen auch den zuerst an ihn geschickten bedeutungsvollen Brief von Brill übermittelt. Jetzt darf ich wohl von Berlin die Stellungnahme zu der zuletzt von Jones und Ferenczi angeregten Herstellung des Komitees erwarten.
    Ich habe unlängst meinen jüngsten Beitrag zur Zeitschrift, die Notiz über den Wunderblock revidiert, seither arbeite ich nichts. Meine Prothese quält mich noch sehr. Bei der Erwähnung des biblischen Kochverbots in Ihrem Brief hatte ich ein noch unaufgeklärtes Déjà vu, als wäre der Zusammenhang schon irgendeinmal betont worden, obwohl ich ihn nicht leicht herstellen kann.
    Mit herzlichem Gruß für Sie und die Ihrigen
    Ihr Freud