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    [Briefkopf Wien] 6. Juli 19

    Lieber Freund
    Sie haben recht, das ist noch immer kein richtiger Briefverkehr. Auch kommen Wochen vor, in denen man sich aus inneren Gründen nicht entschließen [kann], eine Brieffeder zur Hand zu nehmen. Meine Frau ist, darf ich sagen, völlig hergestellt. Sie reist am 15. d.M. in das Sanatorium Parsch bei Salzburg, gleichzeitig ich und meine Schwägerin nach Gastein. (Ihr Arzt besteht auf einem Versuch mit Höhenklima bei ganz ruhigem Leben.) Meine Tochter bemüht sich um Einreise ins Baierische bei Reichenhall in Gemeinschaft mit einer Freundin.
    Verwundern Sie sich nicht, daß wir in diesen Zeiten so teure Aufenthalte wählen. Alles in der Nähe von Wien ist noch teurer, fast unerschwinglich, die meisten Sommeraufenthalte sind gesperrt, alles was mit Reisen ins Ausland zusammenhängt, noch immer unerträgliche Plackerei. Und man will doch nicht ganz auf die mögliche Erfrischung, so lange es warm ist, verzichten. Wer weiß, wie viele von uns den nächsten Winter, von dem Böses zu erwarten ist, überstehen

  • S.

    werden. Auch regt die Sicherheit des materiellen Untergangs als Folge unserer staatlichen Situation gerade nicht zur Sparsamkeit an.
    Von Budapest waren wir durch drei bis vier Wochen völlig abgeschnitten. Jetzt kann Rank wieder mit seiner Zeitung telephonisch sprechen, und wir hoffen das wichtigste, was mit Ferenczi und Freund vorgeht, so zu erfahren.
    Tausk hat sich vor einigen Tagen erschossen. Sie erinnern sein Benehmen auf dem Kongreß. Er war durch seine Vergangenheit und die letzten Kriegserlebnisse erdrückt, sollte in dieser Woche heiraten, konnte sich nicht mehr aufraffen. Trotz seiner bedeutenden Begabung war er für uns unbrauchbar.
    Traumdeutung und Leonardo sind nun erschienen, Alltagsleben wird in diesem Monat erwartet. Dann kommen sie gewiß auch zu Ihnen. Jones will mich in Gastein besuchen.
    Rank bleibt in Wien, er erwartet die nahe Vaterschaft.
    Mit herzlichen Grüßen für Sie und die Ihrigen
    Ihr Freud