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[Briefkopf Wien] 2. Nov. 19
Lieber Freund
Ich gratuliere Ihnen zur neuen Adresse, die die Wiedereröffnung des eigenen Heims bedeutet.
Ihren und Eitingons Vorschlag, den Kongreß im Frühjahr und nach Berlin einzuberufen, habe ich [in] einer Komiteesitzung Ferenczi, Freund und Rank vorgelegt. Sie waren zunächst alle kaptiviert, langsam traten dann bei ihnen die Bedenken auf, die bei mir von Anfang an herrschend gewesen waren. Am Schlusse waren wir einer Meinung. Das Hauptbedenken war, daß wir, besonders bei unserer neuen Orientierung nach Westen, nichts be- stimmen können, ohne bei Jones anzufragen. Jones legt aber Wert darauf, diesmal einige Amerikaner herzubekommen, und sagte schon, daß die ihre Reise viele Monate vorher vorbereiten müssen. Auch halten wir es für zweifellos günstiger, wenn bereits einige Nummern der englischen Zeitschrift vorliegen, ehe sich der Kongreß mit ihr beschäftigt. Es wurde also beschlossen, Jones Mitteilung zu machen und seine Äußerung einzuholen. Ich fand es überdies noch günstiger, die Woche, die der Kongreß ausfüllen soll, dem Herbst anstatt dem Frühjahr abzufordern. Ich denke, wir sollen nicht vergessen, daß wir nach Holland eingeladen sind, und da die letzten Kongresse durchaus mittelmächtig sein mußten, geziemte es sich, daß der nächste auch topisch den Entente- -
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leuten nahe gerückt werde. Für Wien spricht überhaupt nichts, hier ist nichts zu holen. Federns Schilderung ist richtig, aber da ist nichts zu bessern. Die Vortragswoche, die Sie an den Kongreß anschließen wollen, hat allen sehr gut gefallen. Wir fragen an, ob Sie diese Absicht nicht unabhängig vom Kongreß oder in Fortsetzung desselben ausführen wollen. Von dieser Idee dürfte etwas bleiben.
Rank arbeitet hier sehr energisch. Meine Tochter ist als Hilfskraft in die englische Abteilung des Verlags eingetreten. Ferenczi bleibt noch bis zum 8., Freund unbestimmt lange, sein Zustand gestattet jetzt gewisse, vielleicht trügerische Zweifel. Ich muß neun Stunden täglich analysieren, komme zu nichts anderem mehr. Dr. Forsyth, der noch bei mir in Analyse ist, zeigt sich als eine sehr beachtenswerte Persönlichkeit; er erzählt viel von dem großen analytischen Interesse in England. Die Arbeit von Boehm wird jetzt von Ferenczi gelesen. Mir hat sie gut gefallen, da sie für die Zeitschrift zu groß ist, rechnen wir jetzt aus, ob wir ein Beiheft aus ihr machen können.
Heute ist erste Vereinssitzung.
Mit herzlichen Grüßen für Sie, Frau und Kinder
Ihr getreuer
Freud
Berggasse 19
Wien 1090
Oostenryk
Schleinitzstraße 6
Berlin – Grunewald 14193
Duitsland
C15F1