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S.
[Briefkopf Wien] 22. 4. 20.
Lieber Freund
Ich antworte auf Ihren Brief vom 4. d.M. erst heute, denn meine Arbeits- und Schreiblust war in diesen Wochen in ungewohnter Weise gestört. Auch ich komme über die Osterenttäuschung nicht hinweg. Es wäre zu schön gewesen, Sie endlich einmal alle zusammen zu sehen und das Einvernehmen unter Ihnen zu festigen, welches die Zukunft unserer Sache garantiert.
Meine Frau ist am 19. 4. durch Berlin gekommen. Wenn sie Sie nicht gesehen hat, war sie gewiß aufs äußerste in Anspruch genommen. Sie wird wohl zu Ernsts Hochzeit länger in Berlin -
S.
bleiben.
Die Ferien, für die ich einen großen Arbeitsplan habe, heißen wahrscheinlich zunächst Gastein. Es sind fast noch drei Monate, und ich arbeite nicht mehr gerne. Von all den Schwierigkeiten des
Lebens hier fühlt man sich recht stumpfsinnig geworden. Das ya Interesse regt sich aber selbst in Wien lebhafter. Mit Havelock Ellis habe ich Verbindung neu angeknüpft. Es gäbe viel Interessantes zu besprechen, hoffen wir, es nachholen zu können.
Ich grüße Sie und die Ihrigen herzlich mit lebhaftem Bedauern, daß ich so selten von Ihnen höre, z. T. gewiß durch eigene Schuld.
Ihr getreuer Freud
Berggasse 19
Wien 1090
Oostenryk
Schleinitzstraße 6
Berlin – Grunewald 14193
Duitsland
C15F2