• S.

    [Briefkopf Wien] 31. III. 24.

    Lieber Freund,
    Dieses Schreiben soll Sie mit einer Eventualität bekannt machen, welche Sie vielleicht noch nicht in Rechnung gezogen haben.
    Mein Befinden hat sich seit einer vielleicht grippösen Naseneiterung zu Anfang dieses Monats fortschreitend so sehr verschlechtert, daß ich letzten Samstag und Sonntag zum ersten Mal in meinem ganzen ärztlichen Leben die Arbeit über das Wochenende unterbrochen habe. Der kleine Ausflug in das Semmeringer Kurhaus hat mir auffällig wohl getan, aber gerade darum sehe ich eine Möglichkeit voraus. Wenn mein Allgemeinzustand sich nicht in ganz außerordentlicher Weise bis Ostern bessert – Ihr bewährter Optimismus wird es sofort annehmen, aber ich bleibe zweifelhaft –, dann werde ich nicht zum Kongreß nach Salzburg kommen, sondern wiederum jenes Sanatorium aufsuchen, in dem ich mir ein Stück Erholung schaffen kann, um das Notwendigste meiner Arbeit weiterzuführen.
    In diesem Falle also würde die Zusammenkunft des ehemaligen Komitees mit mir und Ihr Vortrag, in dem Sie mich vor den drohenden Gefahren der neuen Bewegung warnen wollten, beides würde entfallen. Ich glaube, Sie sollen sich mit einem solchen Ablauf der Angelegenheit vertraut machen und stelle mir vor, es bliebe nichts anderes übrig, als daß Sie sich von Person zu Person miteinander verständigen, wie es ja eigentlich auch sonst hätte geschehen sollen. Denn wie weit Ihre Reaktion auf F.[erenczi] und R.[ank] berechtigt sein mag, davon ganz abgesehen, freundschaftlich war Ihr Verfahren gewiß nicht, und es ist bei dieser Gelegenheit nur völlig klar geworden, daß das Komitee nicht mehr besteht, weil die Gesinnungen nicht da sind, die aus dieser Handvoll Leuten ein Komitee machen würden. Ich

  • S.

    meine, es ist nun an Ihnen, einen weitergehenden Zerfall aufzuhalten und hoffe, daß Eitingon, den ich am 13. hier erwarte, dabei mithelfen wird. Es kann doch nicht Ihre Absicht sein, aus Anlaß Ihrer Besorgnis die Internationale Vereinigung und alles, was an ihr hängt, zum Einriß zu bringen.
    Ich bin egoistisch genug, es als einen Vorteil zu empfinden, daß mir durch meine Gebrechlichkeit wenigstens all das, was mit dem neuen Zwist zusammenhängt, anzuhören und zu beurteilen erspart bleibt. Sehr froh bin ich weder über diesen Gewinn, noch über die Sachlage, aus der er stammt. Da meine Entscheidung noch mit einem vorsichtigen Fragezeichen versehen ist, behalte ich mir vor, Ihnen in der Woche vor dem Kongreß definitive Auskunft zu geben.
    Mit herzlichem Gruß
    Ihr Freud