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[Briefkopf Wien] 21. 6. 20
Lieber Freund
Das ist wieder einmal die richtige Berliner Energie. Hu, welch ein Programm und wieviel Fliegen mit diesen wiederholten Schlägen getroffen werden sollen! Nun es freut mich riesig, daß es sich in Berlin so rührt, und daß auch Sie sich von der Unmöglichkeit, die Psychoanalyse den Ärzten vorzubehalten, zu überzeugen beginnen. (Vgl. Reuss – Pollak.) Das schönste ist die Bestallung von Sachs. Sie werden, wenn er gesund bleibt, einen großen dauernden Gewinn an ihm haben. Wir konnten nichts für ihn tun.
Nun kommt der Pferdefuß! Die hervorragende -
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Rolle, die Sie mir zugedacht, werde ich nicht übernehmen können. Wahrscheinlich werde ich überhaupt der Berliner Woche nicht anwohnen. Das geht zunächst und äußerlich so zu. Zwischen Gastein (Ende August) und dem Kongreß (8. September) bleibt mir eine Woche, mit der ich nichts anderes anzufangen weiß, als über Berlin – Hamburg nach dem Haag zu reisen. Nach dem Kongreß werde ich entweder in Holland bleiben, um eine angekündigte Londoner Freundin (Loe Jones, jetzt Mrs. Herbert Jones) zu treffen, oder schnell abreisen, um Ernst und seine Lucie irgendwo südlich abzufangen. Der tiefere Zusammenhang ist der: Ich werde alt, unleugbar bequem und träge, auch verwöhnt und verdorben durch die vielen Geschenke
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an Lebensmitteln, Zigarren und Geld, die man mir macht, und die ich annehmen muß, weil ich sonst nicht leben könnte. Vorläufig plage ich mich aber noch mehr, als mir gut tut. Ich habe meine Arbeitszeit heuer um zwei Wochen verlängert, nehme nach Gastein eine schwierige keimende Arbeit (Massenpsychologie) mit. Von den so verkürzten Ferien fällt noch eine Woche auf den Kongreß, die übrige Zeit muß ich mich also doch von der Psychoanalyse ausruhen können, sonst kann ich die schwere Arbeit im Oktober nicht leicht wiederbeginnen. Wenn irgend möglich, werde ich auch dem Kongreß keinen Vortrag halten. Ich glaube,
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ich habe genug geredet. Kennen Sie die Geschichte vom Arzt und vom lebenslustigen Patienten, die damit ausgeht, daß der Arzt sagt: Genug gepißt? Beinahe wäre es ja bei mir ebenso geworden, nur daß es mir in dieser Hinsicht unerwartet gut geht.
Es schadet auch gar nichts, wenn Sie alle sich langsam auf die Situation, daß ich nicht dabei bin, vorbereiten. Wozu ist denn das Komitee da, als um mich immer mehr entbehrlich zu machen? Sie, meine ich, sollten das Thema des weiblichen Kastrationskomplexes als das reichere vorziehen. Ich werde Ihren ausgezeichneten Ausführungen mit ruhigem Genuß folgen. -
S.
Ich höre Sie haben Rank nach Berlin zitiert. Das wird, fürchte ich, an der Überdeterminierung für sein Hierbleiben scheitern. Aber der Bewerber ist in Wien willkommen, und alles andere kann, besonders wenn Sachs schon da ist, brieflich oder auf dem Kongreß erledigt werden. Von Urban & Schwarzenberg habe ich noch keine Antwort, ich hoffe sie sind verständig genug, in den Tausch zu willigen. Sonst bekommen sie eben gar nichts. Ihre Sache beim Ministerium sehe ich noch immer skeptisch an.
Es geht mir zu langsam, und Sie haben gewiß recht zu befürchten, daß politische und Personaländerungen -
S.
die Chance arg bedrohen.
Selbst dann wäre es kein großes Unglück, es wird mit der Psychoanalyse auch so gehen. Nur, daß ich es für Sie wünschte. Ferenczi ist als Strafe für seine bolschewistische Professur jetzt aus der Budapester Ärztegesellschaft ausgeschlossen worden. Ich konnte ihm infolge der noch bestehenden Briefzensur nur zu der Ehrung gratulieren.
Leben Sie recht herzlich wohl und gönnen Sie sich mit den lieben Ihrigen auch etwas Ferienruhe.
Ihr getreuer
Freud
Berggasse 19
Wien 1090
Oostenryk
Schleinitzstraße 6
Berlin – Grunewald 14193
Duitsland
C15F2