• S.

    [Briefkopf Wien] 6. 1. 20.

    Lieber Freund
    Ich habe heute die erste geschäftliche Konferenz mit Rank gehabt und versprochen, Ihnen darauf zu schreiben. Alle Ihre Gründe zu Gunsten des Kongresses in Berlin sind richtig und doch muß ich mich für Holland entscheiden. Sie vernachlässigen das wichtigste Moment der Situation, das dringende Bedürfnis des Verlags, die Amerikaner für die englische psychoanalytische Zeitschrift zu gewinnen. Wir können sonst die deutschen Zeitschriften nicht über ein Jahr halten. Nun versichert Jones, daß wir die Anglosaxons nicht nach Berlin bekommen, und das ist ausschlaggebend. Offenbar haben wir von der Stimmung dieser Menschen nicht die richtige Vorstellung. Es handelt sich also bei dieser Neuorientierung nicht um wissenschaftlichen Vorrang, sondern um praktischen Gewinn. Dagegen verschwinden die für uns bestehenden Schwierigkeiten der Reise und der Valuta, die zum Teil durch die Veranstaltungen der Holländer ausgeglichen werden sollen. Ich hoffe, Sie werden sich dieser Einsicht nicht verschließen und den nun bald beendigten Krieg nicht im Schoße des Komitees wiederaufleben lassen.

     

  • S.

    Vielleicht führt ein unterirdischer Gang von diesem ersten zum nächsten Thema. Soviel ich weiß, hatte Sch.[mideberg] direkt den Auftrag, mir das Geheimnis Ihrer Chancen mitzuteilen, und ich weiß nicht, warum ich nicht meinen Anteil an der Vorlust haben sollte, wo es zu einer Endlust vielleicht nicht kommen wird. Ich sage auch, es wäre schön, ganz Deutschland würde bald darauf umfallen, aber ich fürchte, es wäre zu schön. Denken Sie, wie unorientiert muß der Mann sein, der für diese Stellung neben Ihnen noch Simmel in Betracht zieht! Es erinnert zu sehr an die ephemere Professur Ferenczis in Budapest. Ich bin für meinen Teil froh, wenn eine Dozentur für Sie herausschaut. Ein Octroi wird doch auf die Dauer an der Fakultät unmöglich sein.
    Ihre für die Denkschrift erforderten Anfragen wird zum Teil Rank beantworten. Ich will Ihnen auf die ersten Punkte antworten:
    1.) Mein Beitrag für Kraus soll nicht die Zwangsneurose sein, sondern »Psychoanalytische Neurosenlehre« heißen. Er ist für Frühjahr 20 bestimmt worden, ich werde mich aber etwas mahnen lassen, weil ich mehr als drei Bogen haben will und weil ich die Herren für die gegen mich wiederholt bewiesene

  • S.

    preußische Großartigkeit etwas strafen möchte.
    2.) Ich habe seit der »Einführung« 1917 nicht mehr gelesen und werde es auch trotz der Verleihung des Titels eines Ordinarius nicht tun, weil mit dieser »Auszeichnung« kein Lehrauftrag verbunden ist. Tausks durch den Krieg unterbrochene Kurse waren durchschnittlich von 20-30 Personen besucht. Allerdings hohe Honorare.
    3.) Ferenczi las ein Semester lang vor einem Kolleg von etwa 100 Hörern aller Fakultäten bei sonst geringer Frequenz der Vorlesungen überhaupt.
    Die spanische Zeitschrift hatten Sie sich doch zum Referat ausgebeten. Delgado kündigt ein neues Werk: El psicoanalisis an, das vielleicht schon auf dem Ozean schwimmt.
    Es ist schade, daß die Verhältnisse Ihrer Absicht, den Kongreß in Berlin abzuhalten, so abgünstig sind. Gewiß wären Ihre Aussichten dadurch gehoben worden. Jones weiß von dieser möglichen Verwertung des Kongresses nichts.
    Nun endlich zum Intimen! Heute hat Rank die in Holland eingekauften Lebensmittel ausgepackt. Liebesgaben in Kisten sind von England und Amerika

  • S.

    angezeigt, kommen natürlich nicht an. Ich habe übermäßig zu tun, fünf Leute noch vorgemerkt, fordere jetzt 200 K oder 50 (60) Mk, von den Siegern natürlich mehr. Eine amerikanische Verlegerfirma bietet mir $  10000 für eine Vorlesungstour in den U. S. an. Es fällt mir nicht ein, es anzunehmen. Zu meiner »Ernennung« am 31. Dezember haben mir die ausgefallensten Leute gratuliert. Die Republik hat an der Titelsucht und dem Titelrespekt zur Zeit der Monarchie nichts geändert.
    Ich hoffe Ihre Frau hat sich bereits erholt und die Kinder wachsen fröhlich weiter, wie wir sie im September sahen. Wir sind jetzt nur drei und leidlich wohl.
    Mit herzlichen Grüßen und Neujahrswünschen für Sie und die Ihrigen
    Ihr Freud

    P.S. Freund stirbt langsam seinen Interessen ab. Es ist vielleicht ratsamer ihn nicht aufzurütteln.