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S.
Karlsbad
PROF. DR. FREUD WIEN, IX. BERGGASSE 19.
2. 8. 14.Lieber Freund
Ihr heutiger Brief (vom 31. 7.) ist ja von den Ereig-
nissen überholt; darum schreibe ich Ihnen
wieder nach Berlin. Ich danke Ihnen für
das Versprechen, reichlich Nachricht zu geben,
u werde mich des gleichen bemühen. Wir
bleiben also hier wahrscheinlich noch eine
Woche; die Reise nach Wien ist in der Zeit
der Mobilisierung kaum durchführbar und
die nach München ausgeschlossen. Unser
Ernst ist übrigens in Salzburg bei seinem
Bruder Martin u wird wahrscheinlich
vorerst gar nicht zurück können.
Wir dürfen uns wohl alle die
Sorgen um Kongreß usw. aus dem
Kopf schlagen. Die Interessen laufen
wo anders hin. Zur Zeit da ich schreibe,
ist der große Krieg wohl als gesichert
anzusehen; ich wäre vom Herzen dabei,
wenn ich nicht England auf der
unrechten Seite wüßte.
Gerne möchte ich ein schönes Thema,
das mich zu plagen begonnen hat, aus-
arbeiten, aber ich bin noch zu gespannt,
zu abgelenkt, ich muß ein Definitivum, -
S.
eine fertige Sache, abwarten. Vorläufig
schäme ich mich noch, in dem entzückenden
Karlsbad mit meiner braven Frau alles
Raffinement der Kur zu genießen, während
die Welt so durchzittert ist. In Wien bäckt
man kein Weißbrot mehr; bedenklicher
ist es vielleicht, daß Sparkassen u Banken
die Einlagen nicht über 200 K auszahlen.
Es wird sich zeigen, wie weit man im täglichen
Leben selbst das Geld entbehren kann.
Aus der Welt können wir nicht fallen,
das ist die größte Sicherung.
Ich hoffe, daß Sie mit den Ihrigen
wohlbehalten angelangt sind und daß
Ihr Kriegsdienst Sie nicht weit
vom Hause entfernt.
Mit herzlichem Händedruck
in die Ferne
Ihr getreuer
Freud
Villa Fasolt / Villa Schlossberg
Karlovy Vary 36001
Tsjeggië
Rankestraße 24
Berlin 10789
Duitsland
C14F27