• S.

    [Briefkopf Wien] 18. 5. 19

    Lieber Freund
    Die Zeit meines Geburtstages hat mir zahlreiche Wünsche gebracht, die sich um die Tage vom 1.-7. gruppierten; mein eigener Bruder hat sich für den 3. Mai entschieden, obwohl er es besser wissen konnte. In diesen Unsicherheiten ist eine völlig zutreffende Kritik des Brauchs enthalten, der wie so vieles andere jetzt für die Abschaffung reif wäre. Aus Ihrem Brief habe ich mit viel Befriedigung die Nachrichten über Gesundheit und Praxis heraus gelesen. Was Sie über S.[immel] schreiben, klingt sehr merkwürdig. Der Mann mußte doch zumindest Breuer gelesen haben, als er seine Arbeiten begann, und konnte doch keinen Moment lang verkennen, daß er die von ihm gelehrte Katharsis übt. Vielleicht wäre es ökonomischer, ihn wieder laufen zu lassen; er wird dann nie mehr etwas zustande bringen. Ich habe übrigens die Bekanntschaft jenes P. Cassian gemacht, der mit ihm und Schnee an der Sache beteiligt war. Nach diesem Zeugen bliebe überhaupt nichts von S.’s Originalität übrig.
    Das erste Buch des Internationalen psychoanalytischen Verlags liegt fertig vor mir, die Kriegsneurosen. Ich halte es durchaus für keine hervorragende Leistung, aber vielleicht wird sie gerade darum auf die geehrten Zeitgenossen Eindruck machen. Nr. 2, Ferenczi, wird sehr bald folgen.

  • S.

    Von Budapest sind wir ganz abgeschlossen; wir wissen nur, daß F. beauftragter Lehrer für Psychoanalyse geworden ist. Von dem Fond hat uns die hiesige Gesandtschaft ein Fünftel ausgezahlt; es scheint nicht, daß das übrige gefährdet ist. Ein Kongreß wird heuer, wie auch Emden meint, noch unmöglich sein, vielleicht läßt sich eine Zusammenkunft der Komiteemitglieder oder der Gruppenobmänner durchsetzen, auch dies noch zweifelhaft. Wie uns der Krieg um die Leistung der Berliner Zentrale gebracht hat, so jetzt die Revolution um die der Budapester. Eigentlich wäre eine Abänderung der Organisation dadurch angezeigt.
    Kraus und Brugsch haben mich wieder an das Versprechen einer psychoanalytischen Neurosenlehre bis April 20 für ihr Handbuch gemahnt. Die Würdigung der Psychoanalyse in des ersteren Syzygiologie ist recht kümmerlich. Friedländer, der richtige medizinische »Untertan« im Sinne von Heinrich Mann hat uns seine Charakteristik Wilhelms II. aus der »Umschau« zugeschickt! Nach diesem Symptom halte ich die Hohenzollern für endgültig erledigt. Von allen Ratten ist dieser Fr. die ekelste. Meine Frau liegt jetzt mit einer echten Grippepneumonie, aber es scheint gut zu verlaufen, man rät uns, keine Sorge zu haben.
    Mit herzlichem Gruß für Sie und die Ihrigen
    Ihr Freud