• S.

    [Briefkopf Wien] 1. Dez. 19

    Lieber Freund
    Ich verschließe mich der Bedeutung Ihrer Argumente gegen Holland und für Berlin keineswegs, fürchte selbst, daß sich diese als entscheidend herausstellen werden, aber ich muß gestehen, daß ein solcher Kongreß etwas Unbefriedigendes für mich behält. Ich weiß auch nicht, ob es wirklich gelingen kann, schon in diesem Herbst Engländer und Amerikaner nach Berlin zu bringen. Das feindselige Vorurteil ist doch stärker, als Sie annehmen. Übrigens noch im Laufe dieses Monats wird Rank, der jetzt im Haag ist und morgen mit Emden und Ophuijsen nach London reist, Sie besuchen, Ihnen sagen, wie sich Jones dazu stellt, und was Sie dann miteinander ausmachen, wird uns hier allen recht sein. Beinahe möchte ich meinen, bei dem Stand der Mk. zu 31 / 3Kronen wird den meisten Wienern die eine Reise ebenso schwer fallen wie die andere.
    Auch Ihre Anregung zur Reaktivierung des Jahrbuchs soll sorgfältig erwogen werden und kann in Ihren Gesprächen mit Rank eine Rolle spielen. Ich sehe vorläufig die Schwierigkeiten größer als den Bedarf. Bei den ungeheuren Kosten der Drucklegung

  • S.

    fühlt der Verlag bereits die Erhaltung zweier Zeitschriften als ernste Last. Die dritte würde überdies auf das rein psychoanalytische Publikum, das nicht sehr kaufkräftig ist, eingeschränkt sein. Deuticke wäre vielleicht zu bewegen sein, das Jahrbuch fortzusetzen, aber ich fürchte, das im Laufe eines Jahres von uns produzierte Material würde nicht hinreichen, es zu speisen. Wir haben auch für die Zeitschrift nicht gerade Überfluß. Es gehörte eine ganz anders intensive Beteiligung eines größeren Kreises dazu, um das Bedürfnis nach dem Jahrbuch fühlbar zu machen. Was England (und Amerika) leistet, soll ja von jetzt an zum englischen Journal of Psychoanalysis abgeleitet werden.
    Ihre angekündigten Arbeiten mit gewohntem Willkomm begrüßt! Erstaunlich, wieviel Sie noch arbeiten, wo, wie ich es selbst spüre, alle Kräfte für die Erhaltung des wirtschaftlichen Niveaus eingesetzt werden müssen.
    Ich habe jetzt für kurze Zeit alle drei Söhne beisammen. Am 7.  d.M. heiratet Martin, tags darauf reist Ernst nach Berlin, wo Sie ihn gewiß öfter sehen werden. Von Ferenczi seit seiner Abreise kaum eine Nachricht, Freund der hier ist, geht es schlecht. Er wird wohl Wien nicht lebend verlassen, die Metastasen sind jetzt zweifelsfrei konstatiert.
    Herzliche Grüße an Sie und Ihre Frau
    Ihr getreuer
    Freud