-
S.
3. Sept. 14
PROF. DR. FREUD WIEN, IX. BERGGASSE 19.Lieber Freund
Endlich einmal ein ordentlicher Brief
von Ihnen mit schöner Nachschrift Ihrer
lieben Frau dabei! Er ist vom 29/8 bis
heute gegangen, also ist Berlin noch
immer sehr weit.
Ich danke herzlich für Ihr zum Glück
unbrauchbar gewordenes Angebot
und für die Nachrichten von Ihrem Hause,
u will sie möglichst vergelten. Es geht
uns allen gut, die einzige Kranke (Schwägerin)
ist fast hergestellt. Martin ist in Innsbruck,
ich will ihn über Sonntag besuchen, er
rechnet darauf, Mitte des Monats
abzurücken. Mein Sohn Ernst wird bei
der Nachstellung am 9. Wahrscheinlich
genommen werden. Für die Jungen
bedeutet das nichts als eine Wunsch-
erfüllung. Die Grenzen zwischen Armee
und Zivilvolk sind übrigens fast aufge-
hoben, nur die Altersgrenzen halten
noch.
Wir haben an den deutschen Siegen einen
festen Halt für unsere Stimmung
gewonnen, und sind von den Erwartungen
der eigenen in der heftigsten Weise
erschüttert worden. Es scheint ja gut zu
gehen, aber es ist nichts Entscheidendes -
S.
und die Hoffnung auf eine rapide Erledigung
der Kriegssache durch katastrophale
Schläge haben wir aufgegeben. Die Zähig-
keit wird die Haupttugend werden.
Unter diesen Umständen neigt sich das
Interesse wieder etwas nach der Wissen-
schaft hin. Rank, mit dem ich viel bei-
sammen bin, weil er jetzt meine Biblio-
thek ordnet, wird Ihnen darüber schreiben.
Wir rechnen auf eine ähnliche „positive“
Schwankung bei Ihnen. Wir möchten, so
lange wir von unseren auswärtigen
Mitarbeitern abgeschnitten sind, zeigen,
daß wir allein etwas Ordentliches
machen können, und respektable Nummern
von „Zeitschrift“ und „Imago“ herausbringen.
Hitschmann ist glücklicher Vater, Federn
endlich nach großen Abenteuern von
New York zurück, scheint sich jetzt auf-
steigend zu bewegen. Jones ist freilich
unser „Feind“. Leider ist auch der Brief-
verkehr mit van Emden und also über
ihn sehr unbefriedigend.
Ich denke gerne daran, daß ich noch in
diesem Monat in Berlin u Hamburg
sein soll. Wir getrauen uns jetzt kaum,
eine Absicht auszusprechen.
Eine Arbeit aus der Klinik Flechsig im
Alzheimer‘schen Blatt zeigt doch den
Beginn einer anderen Einstellg
zur ψA auch in Deutschland.
Mit herzlichstem Gruß Ihr Freud
Schreiben Sie bald wieder!
Berggasse 19
Wien 1090
Oostenryk
Rankestraße 24
Berlin 10789
Duitsland
C14F27