• S.

    [Briefkopf Wien] 15. XII. 19

    Lieber Freund
    Dank für Ihren Glückwunsch! Die Hochzeit verlief sehr stimmungsvoll im engsten Kreis. Das junge Paar hat nach kaum dreitägiger Isolierung den Kampf mit dem Leben aufgenommen. Ihr Beitrag zur Allmacht der Exkrete hat mich sehr amüsiert. Sind sie doch wirklich Produktionen wie die Gedanken und Wünsche. Gleichzeitig las ich etwas über die Deutung der Träume auf der Subjektstufe und gewann wieder einen starken Eindruck davon, was das für überflüssiger Zusatz zum Traumverständnis ist. Natürlich vernichtet man den Vater nur, weil er der »innere« Vater ist , d.h eine Bedeutung für das eigene Seelenleben hat. Rank hat aus London telegraphiert. Endlich! Da er aber eine volle Woche in Holland durch das Warten auf die Einreiseerlaubnis verlor, dürfte er auf dem kürzesten Weg mit einem Schweizer Kinderzug (vor Weihnachten) zurückkommen und Berlin nicht berühren. Ich berichte Ihnen darum von seiner Äußerung, daß er entschieden gegen Berlin ist und an Holland für den Herbst festhält. Ich weiß nicht einmal, ob dies möglich sein wird. Von

  • S.

    einer Besserung des Verkehrs ist ja keine Rede. (Ihr Brief vom 7. traf heute, am 15. ein.)
    Freunds abdominale Metastase, deren mikroskopische Untersuchung dasselbe Sarkom ergab, welches am Hoden entfernt worden war, war verflüssigt, ließ sich entleeren und drainieren. Durchs Drainrohr ist jetzt eine Radiumkapsel eingelegt worden. Er weiß alles, hat z.B. Auftrag gegeben, mir den Ring, den er trägt, nach seinem Tod zurückzustellen. Er ahnte auch, daß er für Eitingon bestimmt ist.
    Mit dem Arbeiten geht es mir nicht besser als Ihnen. Nur glaube ich, daß ich damit nicht eine kurzdauernde Phase durchmache. Ich glaube, daß ich mit dem Säen fertig bin, zum Ernten werde ich wohl nicht kommen.
    Rittmeister Schmideberg, der Gast bei Eitingon war, hat mir eine Nachricht gebracht, die so schön ist, daß ich nicht an sie glauben konnte. Daß Ihnen die Professur für Psychoanalyse bevorsteht! Da Sie nichts darüber schreiben, bezähme ich meine Neugier nicht länger. Ich halte es natürlich geheim, wenn etwas dahinter ist.
    Herzlich der Ihrige Freud