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    [Briefkopf Wien] 20. 5. 17 Lieber Freund Nach Ihrer letzten Sendung, mit der ich nicht hätte einverstanden sein sollen (aber warum?), wartete ich lange auf Ihren angekündigten Brief. Er kam endlich gestern und war vom 4. d.M. datiert! Ich danke Ihnen nun herzlich für Ihren Glückwunsch, obwohl ich dafür halte, daß in diesem Alter solche Daten nicht beachtet werden sollen, und denke mit Bedauern, wie anders sich Ihre Jahrzehntwende gestaltet hätte, wäre nicht über uns alle das Unglück hereingebrochen. Ungern sehe ich es, daß Sie sich durch den Vergleich mit mir herabsetzen, wobei Sie mich nach Art einer Imago konstruieren, anstatt mich objektiv zu beschreiben. In Wirklichkeit bin ich recht alt, etwas gebrechlich und müde geworden und habe mich von der Arbeit ziemlich abgewendet. Die Vorlesungen sind noch in den großen Ferien niedergeschrieben, seither habe ich nichts mehr gearbeitet, wenn auch kleine Mitteilungen noch publiziert werden. Das Leben drückt doch zu schwer auf mich. Ich spreche wenig darüber, weil ich weiß, daß der andere solche Aussagen als Klagen, als Zeichen von Depression auffaßt und nicht als objektive Schilderungen, wobei mir Unrecht geschähe. Ich finde, ich habe meine Zeit

     

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    gehabt, bin nicht deprimierter als sonst, also sehr wenig, und tröste mich mit der Versicherung, daß meine Arbeit in den guten Händen von Fortsetzern liegt wie Sie und Ferenczi und vielleicht noch andere, und Sie speziell haben unter diesen ungünstigen Bedingungen die zwei besten klinischen Bearbeitungen, die wir besitzen, geschaffen und gewiß Stoff für Neues reichlich angehäuft. Von den Vorlesungen liegt ein fast vollständiger Neudruck mir vor, doch wird es gewiß noch drei bis vier Wochen dauern, ehe ich Ihnen das Buch schicken kann. Die beiden Zeitschriften gehen dank der wirklich staunenswerten Bemühung von Sachs weiter; im Ausdruck der nächsten Imago nummer sind wir durch plötzlichen Papiermangel aufgehalten worden. Aber es wird sich durchsetzen lassen. Nach Deutschland zu reisen erwarte ich in nächsten Zeiten nicht. Die unsinnigen Beschränkungen machen es ganz unmöglich. Meine Tochter ist am 14. d.M. abgereist und gestern mit ihrem Mann zusammengetroffen. Er ist in Schwerin, wohin sie wahrscheinlich bald in eine Pension übersiedeln wird. Es ist sehr einsam bei uns, nachdem

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    wir eine Zeitlang vorher durch das Kind und häufige Besuche der Krieger ein lebhaftes Familienleben genossen haben. Martin ist jetzt noch beim Cadre in Linz, Ernst in der 10. Isonzoschlacht (letzte Nachricht vom 14. d.M.), Oli noch in Krems zur Ausbildung. Ferenczi hat uns ein Quartier in der Tatra am Czorbasee verschafft, in dem wir aber schon am 1. Juli eintreffen müssen. Ferenczi, der immer leichte Basedow-Symptome hatte, war infolge von Überanstrengung und Aufregungen insuffizient geworden, hat sich aber durch einen dreimonatlichen Aufenthalt auf dem Semmering sehr erholt, ist seit dem 10. d.M. wieder in Budapest (H.[otel] Royal) und wird wohl auch seine Privatverhältnisse endgültig und günstig erledigen. Er nimmt sich, wie Sie sehen, der Zeitschrift sehr kräftig an. Rank hat eine sehr sterile und depressive Zeit hinter sich, rafft sich jetzt auf und soll eine zweite Auflage seines Künstlers herausbringen. Von Jones haben wir gehört, daß er eine junge Landsmännin, Sängerin, geheiratet hat, sich sehr glücklich fühlt und für einen reformed character hält. Er hat auch die Übersetzung von Ferenczis Arbeiten veröffentlicht, kann uns aber das Buch nicht zuschicken.

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    Reik ist noch in Montenegro, Eitingon (Miskolcz, Res.[erve-] Spital, Rud.[olfs-] Kaserne) hat erst kürzlich nach Ihnen und Ihrer Adresse gefragt. Eben heute erhielt ich von v. Ophuijsen eine telegraphische Nachricht, daß Joh.[an] Stärcke plötzlich gestorben ist. Er war Sekretär der neuen Gruppe; ich habe ihn nicht gekannt, es ist gewiß ein bedauernswerter Verlust. Die Arbeit von Protze ist eingegangen und für die nächste Imago bestimmt worden, was einen Aufschub von vier bis fünf Monaten bedeutet. Unsere innere Zerrissenheit hier ist vielleicht durch keinen Vorfall so weit aufgedeckt worden wie durch den höchst beachtenswerten Prozeß Fr.[iedrich] Adler. Zufällig ist er gerade in den Zimmern, die wir bewohnen, geboren worden. Als zweijähriges Kind habe ich ihn einmal hier gesehen. Wenn wir wieder einmal zusammentreffen, werden wir über vieles sprechen können, was jetzt entweder noch ungeklärt ist oder nicht auf die Entfernung mitgeteilt werden kann. Mit herzlichen Grüßen für Sie, Ihre liebe Frau und Kinder Ihr getreuer Freud