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    [Briefkopf Wien] 3. Okt. 19

    Lieber Freund
    Schon etwas traumhaft liegen die Zeiten hinter uns, in denen freundschaftliche Fürsorge den Ernst des Lebens von uns abhielt. Die elenden Zustände in dieser Stadt, die Unmöglichkeit, sich zu ernähren und zu erhalten, die Anwesenheit von Jones, Ferenczi und Freund, die notwendigen Konferenzen und Entschließungen und die dabei zögernd einsetzende Analysentätigkeit (fünf Stunden =  500 K) ergeben eine kräftige Gegenwart, vor der Erinnerungen rasch verblassen. Ich berichte Ihnen kurz, was aus den Sitzungen des Komitees herausgekommen ist, die leider ohne Ihre Anwesenheit stattfinden mußten. Ferenczi hat wegen Unsicherheit der Lage in Ungarn die Präsidentschaft bis zum Kongreß Jones übertragen, der dann vom Kongreß definitiv eingesetzt werden soll. Jones übernimmt auch die Aufgabe, ein Journal of Psychoanalysis für England – Amerika herauszubringen, das im innigsten Kontakt mit der Zeitschrift bleiben und frei über deren Inhalt verfügen soll. Dies Journal wird in Wien technisch hergestellt und dann nach London importiert; zwei Nummern desselben sind bereits entworfen. Ich habe Jones die Verfügung über den Fond abgetreten, dessen Gelder er auch nach England mitnehmen wird. Wege, um uns die Mittel für unsere Arbeit

  • S.

    in Wien von London aus zur Verfügung zu stellen, sind bereits gefunden. Es ist eine Idee von Rank, den Fond (Verlag) hier Ware erzeugen zu lassen, die dann in England und Amerika verkauft werden soll. Also die von unserem Staatskanzler proklamierte Orientierung nach Westen! Eine andere Angelegenheit, für die Ihre Äußerung entscheidend sein wird, ist folgende. Es besteht die Absicht, aus Anlaß der Gründung der Berliner Poliklinik Eitingon als vollberechtigtes Mitglied ins Komitee aufzunehmen. Wenn Sie auch dafür sind, so sprechen Sie mit ihm ohne weiteren Aufschub. In jedem anderen Falle bitten wir um Ihre Mitteilung darüber.
    Mein Sohn Martin hat sich mit einem Mädchen aus wohlhabender Familie (Ernestine Drucker), Tochter eines Advokaten, verlobt, und durch den Einfluß seines Schwiegervaters wird er bald auch Anstellung als Sekretär in einer neubegründeten Bank und Wohnung haben. Bei den anderen nichts Neues.
    Ich grüße Sie und Ihre liebe Familie herzlich und danke Ihnen allen nochmals für alle Freundschaftsbeweise während unserer Reise.
    Ihr Freud