• S.

    [Briefkopf Wien] 4. Juli 20

    Lieber Freund
    Jetzt kennen wir uns schon etwa dreizehn Jahre und sind immer ausgezeichnet miteinander ausgekommen. Es wird also auch diesmal so ausgehen, aber zu diesem Zwecke müssen Sie nachgeben und einsehen, daß Sie nichts Billiges verlangen. Wenn Sie einmal 64 Jahre alt sein und zehn Monate eines solchen Arbeitsjahres hinter sich haben werden, wird Ihnen der Anspruch auf eine ungestörte Arbeitspause nicht mehr als unberechtigter Eigensinn erscheinen, und die Wirkung auf die Berliner Ärztekreise dagegen recht gleichgültig vorkommen. Lassen Sie mich also aus, ich werde weder

     

  • S.

    vor noch nach dem Kongreß in Berlin reden. Sie brauchen Ihr Programm darum nicht zu verändern. Ohnedies ist meine Entspannung keine vollständige. Für August habe ich ein schweres Thema bereit, das volle Konzentration fordern wird, und im September ist ja doch der Kongreß, der wieder in die Analyse zurückführt. Aber mehr geht nicht.
    Sie sagen, Ihre Veranstaltung ist aussichtslos, wenn ich nicht mittue. Das ist gerade die Einstellung, der ich entgegen arbeiten will. Versuchen Sie es nur und Sie werden sehen, daß es geht. Morgen oder übermorgen müssen Sie ja doch, also lieber heute damit beginnen.

  • S.

    Ihre Berufung nach Halle scheint mir sehr erfreulich. In Deutschland und England geht es ja überhaupt hoch her. Sogar bei uns steigt das Interesse für Psychoanalyse, wahrscheinlich durch den Einfluß der Fremden. Gegenwärtig bewirbt sich die Gesellschaft um eine psychoanalytische Abteilung in einem Erweiterungsbau des Allgemeinen Krankenhauses. Es wäre mir sehr unerwünscht, wenn wir sie bekämen, denn sie müßte wieder auf meinen Namen gehen, ich kann ihr keine Zeit widmen und im Verein ist niemand, dem ich die Leitung anvertrauen könnte.

  • S.

    Stekel hat gestern einen komischen, frech-dummen, zärtlichen Brief an mich gerichtet, der um Wiederaufnahme der Beziehungen wirbt. Das hängt mit dem neuen Journal Eros und Psyche, das er mit Tannenbaum und Silberer herausbringt, zusammen. Natürlich antworte ich nicht. Die Hug freut sich sehr auf Berlin, sie ist frisch und intelligent, aber leider auch kleinlich, empfindlich und zänkisch.
    An Sachs werden Sie alle großes Vergnügen haben, wenn er nur gesund bleibt. Mein Sohn Oliver tritt in dieser Woche seine Stellung bei einer Berliner Firma an.
    Herzliche Grüße für Sie und Ihre liebe Frau
    Ihr getreuer
    Freud