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[Briefkopf Wien] 13. 4. 19 Lieber Freund Es ist noch immer kein Verkehr, wenn ein Brief am 11. Tag ankommt. Zum Falle Simmel kann ich Ihnen leicht Auskunft geben. Wir hatten beschlossen, seinen Namen aus den Ankündigungen zu streichen und das Büchlein ohne ihn erscheinen zu lassen, wenn er uns noch einmal hingehalten hätte. Daß er nicht eine Zeile Antwort auf die Zuteilung des Preises fand, war doch auch eine bedenkliche Erscheinung. Den Preis habe ich der Publikation verliehen, nicht der Person, und insoferne tut es mir nicht leid. Mir scheint auch, daß S. ähnlich wie Breuer seinerzeit seine Funde persönlich nicht verträgt. Mit Pötzls Überschätzung steht es bei uns nicht so arg. Wir genießen etwas die Pikanterie, daß der erste Adjunkt der Klinik sich der Psychoanalyse anschließt, aber wir haben ihn jahrelang werben lassen und sind über seinen zweideutigen Charakter sehr gut orientiert. Für ihn spricht eine sehr bedeutende Intelligenz und Ausbildung; wenn er uns nichts
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leistet, werden wir es sehr gut ertragen. Wir wollten ihn nur nicht abstoßen lassen, solange er enthusiastisch war. Optimismus in bezug auf akademische Kreise hat bei uns keine Stätte. Rank ist zurück, er hat sich mit Rücksicht auf die neuerlichen Unsicherheiten der Lage in Ungarn nirgends engagiert, aber viel Beziehungen angeknüpft. Jones fand er uns unverändert zugetan. Er verlangt einen Kongreß oder wenigstens eine Komiteezusammenkunft in Holland im Herbst. Ich hoffe, daß sie möglich sein wird. Ihre beiden Zusendungen mit großem Dank angenommen. Die technische ist besonders vortrefflich und zeitgemäß. Es fehlt vielleicht nur, daß die ganze Einstellung aus dem Vaterkomplex stammt. Die Drucke gehen vorwärts. Unser Befinden entspricht den aufgeregten Zeiten. Ernst ist in München von uns abgeschnitten, vom Gefangenen seltene, nicht unerfreuliche Nachrichten. Mit herzlichen Grüßen für Sie und Ihre liebe Familie Ihr Freud
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