• S.

    [Briefkopf Wien] 31. 10. 1920

    Lieber Freund
    Ich habe nie daran gedacht, daß der Rundbriefverkehr unserem privaten Briefwechsel ein Ende machen soll. Nur fürchte ich, diese Korrespondenz wird sich auf den Sonntag lokalisieren müssen. Die neunstündige Analysenzeit hat durch ihre Wendung ins Englische (fünf Stunden) eine Verschärfung erfahren; ich merke mit Staunen, wie sehr die Anstrengung des Horchens und inneren Übersetzens die freie Energie aufzehrt. Dabei habe ich lange nicht so gut Englisch gelernt wie Ihre Frau und verdiene doch nur zwei Drittel von meinem Friedenserwerb. Aber auch damit muß man zufrieden sein.
    Die Übergehung bei der zweimaligen Verteilung des Nobelpreises habe ich glänzend vertragen und auch begriffen, daß eine solche offizielle Anerkennung gar nicht in den Stil meines Lebens passen würde. Bei einer Gelegenheit, da ich als Sachverständiger vor einer Kommission zur Erhebung militärischer Pflichtverletzungen über eine Anklage gegen Wagner zu fungieren hatte, konnte ich wieder die ganze verlogene Gehässigkeit der hiesigen Psychiater konstatieren. Aber natürlich wagten sie sich erst hervor, als ich nicht mehr dabei war; in meiner Gegenwart benahmen sie sich scheißfreundlich, wie man in der Sprache der erogenen Zonen zu sagen pflegt.
    Ihren Aufsatz in der Rundschau habe ich natürlich doch gelesen, er ist

  • S.

    sehr klar, korrekt und gerade für uns lesenswert. Das Publikum wird Phrasen und Zierraten vermissen, er dürfte nicht affektiv wirken.
    Auf den Aufschwung in Berlin sind wir alle stolz. Hier ist nichts Ähnliches zu erwarten. Nunberg bekommt keinen Reisepaß, wenigstens ist das die rationalisierte Begründung. Hier dürfte er aber keine Patienten bekommen. Die Verhältnisse sind hier doch ganz grauslich und niemand weiß, was werden soll.
    Wir sind wohl und einsam.
    Mit herzlichen Grüßen für Sie und Ihre ganze Familie Ihr getreuer
    Freud