• S.

    [Briefkopf Wien] 4. 5. 24

    Lieber Freund
    Ihr so gewissenhafter Bericht hat meine Kenntnis der Vorgänge auf dem Kongreß in erwünschtester Weise vervollständigt. Ich danke Ihnen herzlich dafür. Auch hat es mir sehr wohlgetan zu erfahren, daß Sie reale Schwierigkeiten hatten, nach Wien zu kommen, so daß die Verhinderung nicht allein auf meinen Willen fällt. Es ist mir sehr peinlich zu denken, daß ich gerade Sie, meinen rocher de bronce, hätte fernhalten sollen, während ich doch Emden, Jones, Laforgue und Lévy sehen und sprechen mußte. Sie müssen sich intensiv in meinen Zustand einfühlen, um mir nicht gram zu werden. Angeblich auf dem Wege der Herstellung,
    steckt tief in mir eine pessimistische Überzeugung von der Nähe des Lebensendes, die sich an den nie aufhörenden kleinen Quälereien und Mißempfindungen der Narbe nährt, eine Art von seniler Depression, die um den Zwist zwischen irrationeller Lebenslust und verständiger Resignation zentriert ist. Dabei ist ein Bedürfnis nach Ruhe und eine Abneigung gegen Menschenverkehr, die beide nicht auf ihre Rechnung kommen, da ich sechs, sogar sieben Arbeitsstunden nicht vermeiden kann. Täusche ich mich und ist das nur eine vorübergehende Phase, so werde ich der erste sein, es zu konstatieren, und dann wieder die Schulter unter die Last schieben. Behalten meine Ahnungen recht, so werde ich, falls mir Zeit bleibt, es nicht versäumen, Sie noch rasch um einen Besuch zu bitten.
    Die Idee, daß der übermorgen bevorstehende 68. Geburtstag der letzte sein könnte, muß sich auch anderen aufgedrängt haben,

  • S.

    denn die Stadt Wien hat sich beeilt, mir zu diesem Tag die Ehre ihres Bürgerrechts zu verleihen, die sonst auf den 70. zu warten pflegt. Ich bin verständigt worden, daß am 6. mittags Prof. Tandler in Vertretung des Bürgermeisters und Dr. Friedjung, Kinderarzt und Gemeinderat, einer der unsrigen, mir einen feierlichen Besuch abstatten werden. Diese Anerkennung geht von den Sozialdemokraten aus, die jetzt das Rathaus beherrschen. Dr. Friedjung aber teilt mit mir das Geburtstagsdatum, natürlich nicht das des Jahres.
    Die Beantwortung Ihrer Anfrage wird mir nicht schwer. Dr. Asch war eine ganze Saison lang bei mir, ich kenne ihn genau. Er ist überhaupt kein Analytiker, sondern Urolog. Welches Ansehen er bei den Analytikern genießt, ist leicht gesagt. Gar keines, es ist zu deutlich, daß er ein pathologischer Narr ist. Seine Analyse bei mir war das traurigste, was sich denken läßt, ohne jede Spur von Einsicht, weder analytische noch gemeine (common sense). Ich wollte ihn durch Wegschicken nicht kränken und bloßstellen, so behielt ich ihn und wartete, wartete vergeblich, ob ihm nicht doch der Knopf aufgehen würde. Zu seinen Gunsten ist zu sagen, daß er ein sehr gutmütiger, hilfsbereiter Mensch ist – auf Grund gehemmter sexueller Aggressivität – und darum recht beliebt. Er will alle glücklich machen, mengt sich in alles, unternimmt alles mögliche, wobei er gewisse Opfer nicht scheut, übernimmt sich dabei natürlich, und muß als ganz unzuverlässig beiseite gestellt werden.

  • S.

    Gewiß ist er nicht der Mann, von dem Sie sich nach Amerika einladen lassen können.
    Ich würde es auch sonst nur bedauern, wenn Sie im Herbst etwa den Verein im Stiche lassen würden, um den trip nach Amerika zu machen. Die Aussichten sind dort schlecht, das Menschenmaterial unbrauchbar. Wir haben es Brill sehr verübelt, daß er aus dem Verein nicht mehr gemacht hat, aber wir sollten es ihm abbitten, es ist nicht möglich, mehr zu machen. Seit Frinks misdemeanour habe ich jede Hoffnung aufgegeben; die jungen Leute, die auf den Erlöser warten, glaube ich ja auch zu kennen, sie sind wenige und nicht viel wert.
    Ich zweifle ja nicht, daß Sie auch in N. York etwas ausrichten würden, wenn Sie zwei Jahre dort wirken könnten, aber in einigen Monaten läßt sich dort nichts organisieren, und da Sie auf Schnellsiederanalysen nicht eingerichtet sind, auch in der Krankenbehandlung nichts leisten. Zum Glück fällt ja auch für Sie das Motiv der Verbesserung des Erwerbs weg, das allein eine Reise nach Amerika entschuldigt; Sie haben in Berlin zuviel aufzugeben. Als Objekt des Studiums läuft Ihnen Amerika nicht davon, ich zweifle nicht, daß Sie das Land einmal auf Grund einer ehrenvolleren Einladung kennen lernen werden. –
    Nachdem ich in meiner schlechtesten Zeit einige kleine Sachen schreiben konnte, die Ihnen in der Zeitschrift vor Augen kommen werden, bin ich gegenwärtig ganz untätig und einfallslos. Vom

  • S.

    Trauma der Geburt entferne ich mich immer mehr. Ich glaube, es wird »fall flat«, wenn man es nicht zu scharf kritisiert; und Rank, den ich wegen seiner Begabung, seiner großen Verdienste um unsere Sache und aus persönlichen Motiven schätze, wird eine wertvolle Lektion gelernt haben. Ihre Aussöhnung mit Ferenczi scheint mir als Garantie für die Zukunft besonders wertvoll. Der ganze Vorfall hat ja auch meine Stimmung in diesen schweren Zeiten recht ungünstig beeinflußt.
    Und nun grüße ich Sie recht herzlich und wünsche Ihnen mit Frau und Kindern eine schöne, Ihren Optimismus rechtfertigende Zeit.
    Ihr Freud