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S.
Wien 27. 4. 95
Liebster Wilhelm
Heute ist Dein erwarteter Brief gekom̄en
u hat mich sehr froh gemacht. Da ist
Gesundheit, Arbeit, Fortschritt endlich wieder
zu treffen – Ich bin natürlich auf
alle Neuigkeiten sehr neugierig
Die Wehenschwäche steht Dir wol auch voran
schon der blöden Menschheit wegen.Für die Angstbemerkgen danke ich Dir
sehr, die biblische Geschichte ist frappant,
ich muß nachsehen u einen Hebraer nach
dem Wortsinn fragen. Oder bist Du
aus der Jugend her auch ein solcher?Im übrigen ist mit der Entferng
u dem Briefschreiben ein großes
Elend, dem gar nicht abzuhelfen ist. -
S.
Besonders wen̄ man ohnehin soviel
schreibt wie ich u dan̄ zeitweise
den Horror calami ken̄en lernt.
Mein eigener Zustand hat es mich wieder
gelehrt. Seit der letzten Cocainisrg
sind 3 Umstände beisam̄en geblieben.
1) Ich befinde mich wol, 2) ich entleere
reichlichen Eiter, 3) ich befinde mich sehr
wol. Ich will also gar keine Herzaffektion
mehr haben, nur die „Bahng" durch das
Nicotin. Wirklich habe viel ausgestanden
u ich kan̄ doch nicht jetzt abkom̄en, bei
der harmloseren Diagnose viel eher
nicht als bei der schwereren. Aber ich
kom̄e und lasse mir von Dir helfen.Wissenschaftlich bin ich übel daran,
nämlich so, in die „Psychologie für den
Neurologen" verran̄t, die mich regel-
mäßig ganz aufzehrt, bis ich wirklich -
S.
überarbeitet abbrechen muß. Ich habe nie
eine so hochgradige Praeoccupation durch-
gemacht. Und ob [es] etwas damit wird?
Ich hoffe, aber es geht schwer u langsam.Neurosenfälle sind jetzt sehr selten,
meine Praxis zieht sich ins Intensive, das
Extensive läßt nach. Verschiedene
Kleinigkeiten. Ein paar Seiten über eine
von Bernhardt beschriebene Sensibilitäts-
störg, an der ich auch leide, werde ich
Dir für Mendel schicken. Schmarrn
natürlich, nur um die Leute zu beschäftigen.
Löwenfeld hat mich in einer Märznum̄er
der Münch. Med W angegriffen, ich
werde auf ein paar Seiten in
Paschkis antworten udgl.Die Kinderlähmgen für Nothnagel muß
ich wol auch in Angriff nehmen,
aber mein Interesse ist anderswo fixirt.My heart is in the coffin here with Caesar
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S.
Frau Renier erin̄ere ich 1mal gesehen zu haben.
Ihre Familie ken̄e ich natürlich sehr gut;
differentialdiagnostisch recht interessant.Die Helene Schiff leidet an so argen
Kopfschmerzen, schade, daß Du nicht hier
bist. Die Eckstein hat schon wieder Schmerzen.
Ob sie nächstens bluten wird? Der
Benvenisti geht es seit der Untersuchg
so gut, daß ich ihr die Reise nicht zumuthen
kann; sie eitert frei.Dieß der Status praesens in wissensch
u privaten Dingen. Sei mir herzlichst
gegrüßt u übertrage ein gutes
Stück davon auf Deine liebe
FrauDein Sigm.
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Österreich
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