• S.

    Dr. Sigm. Freud
    Docent für Nervenkrankheiten
    a. d. Universität.
    Wien, ...................
    IX., Berggasse 19.

    26.XI.99
    Theurer Wilhelm 

    Gestatte mir einmal optimistischer als
    Du zu denken. Ich wollte nur wissen,
    ob Paulinchen‘s Krankheit nicht
    von der Art war, daß das Entkom̄en
    von ihr eine Trübung der Lebensaus-
    sichten bedeutet. Da es eine Cholera
    infant. war oder etwas ähnliches,
    so erlaube ich mir den Zufall
    gründlich zu verachten. Aus bestem
    Blut gewachsen, wird auch sie wachsen
    u gedeihen. Ich freue mich, sie einmal
    im nun vergrößerten Kinderzim̄er
    zu sehen.

    Frl Haller ist ein schweres Stück, die
    Arbeit aber natürlich nicht
    ohne gute Chancen, seitdem ich
    allerlei dazugelernt habe. Ich
    führe eine Art Tagebuch über sie,
    das Dir später Einblick in die
    Technik u in die Natur des

  • S.

    Falles gestatten soll; als Versuch, Dir
    meinen Dank zu bezeugen. Meine
    eigene werbende Kraft hat es
    wirklich zu keiner neuen Kur
    gebracht. Gräßlich ist die Scheinheilg
    durch die Anstalt, ich hätte sie
    krank u mürbe lieber gehabt.
    Sie fängt an, sich zu ennuiren 
    u ist schon mit allerlei Widerständen
    in Bereitschaft. Eigentlich gepackt
    ist sie noch nicht. Interessant, daß sie
    jüdischer Abkunft ist, von beiden
    Seiten her.

    Das Trbuch hat noch keine laute
    Äußerung veranlaßt. Der Verkauf
    soll bis jetzt zufriedenstellend
    sein. Mein Philosoph Harry G. ist
    sehr amüsant. Angeblich glaubt
    er gar nichts, kom̄t aber auf
    allerlei schöne u witzige Dinge
    u thut allmählich auf. Kürzlich
    hat er eine Krone hier verloren
    dh: im Symptomhandeln als

  • S.

    Honorar hier gelassen, weil es ihn genirt,
    mich „auszunützen". Seine Tr citiren
    bestendig die meinigen, die er dann
    vergeßen hat usw. Es scheint, daß Trdeuten
    schwieriger für andere ist, als ich
    es angegeben habe.

    Dr. Seb. Löwy dürfte sich an vielen Stellen
    ge- u betroffen gefühlt haben. Ob ein
    Nichtneurotiker aus dem Buch etwas
    machen kann, würde mich sehr inter-
    essieren zu erfahren.

    Über den Som̄er noch nichts bestimmt.
    Ich habe einen Weg vor (zu Winteraitz),d
    er sich mir – als Bittgang – immer
    aufschiebt. Die Hoffnung, den Status
    quo aufrecht zu halten, drängt sich
    auch vor. Veränderungen sind hierzulande
    so schwer durchzusetzen.

    Seit die Verstim̄gen periodisch auftreten,
    profitire ich eigentlich, bin in den
    Zwischenzeiten ungestörter wol als
    je zuvor. Da Du Dich dafür inter-

  • S.

    essirst, wirst Du auch die Daten der
    folgenden erfahren.

    Sonst schlum̄ert es und bereitet sich vor.
    Die Sexualtheorie u die Angst
    heißt ein nächstes Werk, das in
    der Tiefe weiter gerückt sein
    muß, als ich weiß, weil ich mich
    so zuversichtlich fühle. Ich hätte
    wirklich nur einen recht unvoll-
    ständigen Brocken mitzutheilen.
    Mit Freude am Gegensatz lese ich
    in Deinen Briefen von einer hellen
    u klaren, im Licht fortschreitenden
    Arbeit; doch taugte die wol
    nicht für meine unterirdischen Dinge.

    Kinder u Frau sind wol. Frl Fink, die
    heute mit ihnen im Prater war,
    wird Dir oder Deiner lieben
    Frau gewiß Einzelnes erzählen.

    Mit herzlichstem Gruß
    Dein Sigm