• S.

    Dr. Sigm. Freud
    Dozent für Nervenkrankheiten
    a. d. Universität.
    Wien, ...................
    IX., Berggasse 19.

    28.5.99
    Theurer Wilhelm

    Ja wol, wir leben noch, trotz alles
    „Schütteln des Kopfes" u wollen's recht
    ausnützen. Deine Darstellg
    soll einen Tag im Kalender roth an-
    streichen, den̄, was Du nicht weißt,
    es war menschenunmöglich, das
    mächtige Zeug aus mündlicher
    Mittheilg im Kopf zu behalten oder
    gar zu übersehen. Die Deckerin̄ergen
    sind in Jena bei Ziehen, der Wein
    ist angekom̄en u liegt nach Deiner
    Vorschrift, der Traum aber wird
    plötzlich, ohne besondere Motivirg,
    aber dießmal sicher. Ich hab' mir
    überlegt, daß es mit all den Ver-
    kleidgen nicht geht, daß es auch mit
    dem Verzichten nicht geht, denn ich
    bin nicht reich genug, den schönsten 
    den wahrscheinlich einzig über-
    lebenden Fund, den ich gemacht habe 
    für mich zu behalten. Ich habe mich

  • S.

    dann in diesem Dilemma benom̄en
    wie der Rabbi in der Geschichte vom Hahn und von der Henne. Ken̄st Du sie? 
    „Ein Ehepaar, das einen Hahn u eine
    Henne besitzt, beschließt, sich zu den
    Feiertagen einen Hühnerbraten 
    zu gönnen, kan̄ sich aber zur
    Wal des Opfers nicht entschließen 
    u wendet sich darum an den Rabbi.
    „Rebbe, was sollen wir thun, wir haben
    nur einen Hahn u eine Henne.
    Wen̄ wir den Hahn schlachten, wird
    sich die Henne kränken, u wen̄
    wir die Henne schlachten, wird
    sich der Hahn kränken. Wir
    wollen aber Huhn essen zum
    Feiertag; Rebbe, was sollen wir
    thun?" Der Rabbi: So schlacht's 
    den Hahn – Da wird sich doch die
    Henne kränken. – Ja, das ist wahr,
    also schlachtet's die Henne – 
    Aber Rabbi, dan̄ kränkt sich ja 
    der Hahn – Der Rabbi: Loss er sich
    kränken!!

  • S.

    Der Traum wird also werden. Daß 
    dieses Österreich in den nächsten 14
    Tagen zu Grunde gehen soll, hat
    mir den Entschluß auch erleichtert. 
    Warum soll da der Traum mitunter-
    gehen? Leider haben die Götter vor 
    die Abhandlg die Literatur zur
    Abschreckung gesetzt. Das erste Mal bin 
    ich in ihr steckengeblieben dießmal
    werde ich mich durchbeißen; es
    steht ja ohnedieß nichts Rechtes darin.
    So autochthon war noch keine meh 
    meiner Arbeiten, mein eigen Mistbeet 
    mein Setzling u eine nova species
    mihi darauf. Nach der Literatur kom̄en
    dann die Streichgen, Einschaltungen
    usw u dan̄ Ganze soll Ende Juli 
    wen̄ ich auf's Land gehe, druck-
    fertig sein. Mit der Verlagsänderg
    versuche ich's vielleicht, wen̄ ich
    merke, daß Deuticke nicht viel
    dafür zahlen will oder nicht sehr
    darauf brennt.

  • S.

    Den 10 Analysen eilte es noch nicht; ich
    habe jetzt 2 1/2! 4 Anknüpfgen zerschlagen,
    auch sonst Todtenstille. Merkwürdiger
    Weise läßt es mich kühl. Die
    Technik war zuletzt schon sehr vollkom̄en. 

    Die Buben haben nach 2tägigem Fieber
    eine leichte Angina produzirt, Ernst
    leidet noch sehr unter seiner angebl 
    Magenerweiterg; er soll Kassowitz
    gezeigt werden. Freitag geht
    es (Minna mit den Kindern außer
    Mathilde) nach Berchtesgaden.

    Ich habe mir Schliemann's Ilios geschenkt
    u mich an seiner Kindheitsgeschichte 
    erfreut. Der Mann war glücklich 
    als er den Schatz des Priamos fand,
    den̄ Glück giebt es nur als Erfüllg
    eines Kinderwunsches. Dabei fält
    mir ein, daß ich heuer nicht nach
    Italien reisen werde. Auf nächstes
    Mal.

    Mit herzlichsten Grüßen für
    Dich, Frau, Sohn u Tochter
    Dein Sig