• S.

    SF
    IX. BERGGASSE 19.

    17.1.97

    Mein theurer Wilhelm

    Das Gethue in meinem Kopf macht
    Dir offenbar Spaß, darum will
    ich Dir im̄er wieder mittheilen,
    wen̄ es etwas Neues giebt. Die
    Psychosenbedingg steht bei mir
    noch hoch im Ansehen, ich werde
    Dir nächstens das Material vor
    legen. An der Epilepsieerklärg hast
    Du mich zweifeln gemacht, aber
    sie ist noch nicht voll erschüttert.

    Was sagst Du übrigens zu der Be-
    merkung, da  meine ganze neue
    Hysterieurgeschichte bereits bekannt
    und hundertfach publicirt ist,
    allerdings vor mehreren Jahr-
    hunderten? Erinnerst Du Dich 
    daß ich im̄er gesagt, die Theorie
    des Mittelalters u der geistlichen

  • S.

    Gerichte von der Besessenheit sei
    identisch mit unserer Fremdkörper-
    theorie u Spaltg des Bewußtseins?
    Warum aber hat der Teufel, der
    die Armen in Besitz genom̄en,
    regelmäßig Unzucht mit ihnen
    getrieben u auf ekelhafte
    Weise? Warum sind die Geständ-
    nisse auf der Folter so ähnlich
    den Mittheilungen meiner Pat. 
    in der psychischen Behandlung?

    Ich muß mich nächstens in die be-
    treffende Literatur vertiefen. 
    Die Grausamkeiten gestatten
    übrigens einige bisher dunkle
    Symptome der Hy zu verstehen.
    Die Stecknadeln, die auf den sonder-
    barsten Wegen zum Vorschein
    kom̄en; – die Nähnadeln, wegen
    welcher die Armen sich die Brüste
    zerschinden lassen u die mit

  • S.

    Röntgen nicht zu sehen sind, wol
    aber in der Verführgsgeschichte 
    zu finden! Die Eckstein hat eine
    Scene, wo ihr der Diabolus Nadeln
    in die Finger sticht u auf jeden
    Blutstropfen ein Zuckerl legt.
    An dem Blut bist Du überhaupt
    unschuldig! Gegenstück dazu: die
    Angst vor Nadeln u spitzen Gegen-
    ständen aus der zweiten psych Periode.
    Zur Grausamkeit überhpt: Angst 
    jemanden mit Messer oder
    sonst zu verletzen. 

    Nun stechen die Inquisitoren wieder
    mit Nadeln um die Stigmata
    Diaboli zu finden, u in der ähnlichen
    Situation fällt den Opfern in Dichtung
    (vielleicht durch Verkleidgen der
    Verführer unterstützt) die alte
    grausame Geschichte ein. So 
    erinnerten sich dabei nicht nur 

  • S.

    die Opfer sondern auch die Henker
    an ihre erste Jugend. 

    Samstag habe ich die Pflicht erfüllt 
    in der Neurosenvorlesg Deine 
    Nasenarbeiten zu erzählen, was
    ich Don̄erstag fortsetzen werde.
    Die 5 Buben haben ordentlich
    aufgehorcht. Es macht sich doch
    bereits sehr packend. 

    Du siehst, es geht mir sehr gut.
    Warum bist Du jetzt nicht frisch? 
    Oscar u Melanie waren unlängst
    gemütlich bei uns

    Grüß mir Deine liebe
    Frau u Deinen Buben
    herzlich

    Dein Sigm.

    Also: Ostern, Prag.