-
S.
Dr. Sigm. Freud
Dozent für Nervenkrankheiten
a. d. Universität.
Wien, ...................
IX., Berggasse 19.2 Nov 96
Theurer WilhelmDas Schreiben fällt mir jetzt
so schwer, daß ich es so lange
aufgeschoben habe Dir für die
zum Herzen dringenden Worte
in Deinem Brief zu danken.
Auf irgend einem der dunkeln
Wege hinter dem officiellen Bewußt-
sein hat mich der Tod des Alten
sehr ergriffen. Ich hatte ihn sehr
geschätzt, sehr genau verstanden
u er hatte viel in meinem Leben
gemacht mit der ihm eigenen
Mischung von tiefer Weisheit
u phantastisch leichtem Sinn. Er war
lange ausgelebt, als er starb
aber im In̄eren ist wol alles
Frühere bei diesem Anlaß
aufgewacht. -
S.
Ich habe nun ein recht entwurzeltes
Gefühl.Sonst schreibe ich Kinderlähmung
(Pegasus im Joche?) freue mich
mit meinen 4 Curen u besonders
mit der Aussicht Dich einige
Stunden zu sprechen. Einsam, das
versteht sich. Vielleicht erzähle
ich Dir einige kleine tollen Sachen
im Austausch für Deine großen
Ahnungen u Funde. Weniger
erfreulich ist heuer das Geschäft,
von dem meine Stim̄ung im̄er
abhängig bleibt.Mit Herz u Nase
bin ich zufriedenUnlängst habe ich die erste Reaktion
auf meine Einmengg in die
Psychiatrie vernom̄en. „Grauen,
schauerlich, Altweiberpsychiatrie"
citier ich Dir daraus. Rieger
in Würzbg. Ich war höchlich amüsirt. -
S.
gerade bei der Paranoia, die so
durchsichtig geworden ist!Dein Buch läßt auf sich warten.
Wernicke hat mir unlängst einen
Patienten, im Offiziersspital
befindlichen Leutnat zugewiesen.„Einen netten Traum muß ich Dir
erzählen von der Nacht nach dem
Begräbni?: Ich war in einem Lokal
u las dort eine Tafel: Es wird gebeten
die Augen zuzudrücken.
Das Lokal erkannte ich gleich als den
Friseurladen, den ich täglich besuche.
Am Tag des Begräbnisses mußte ich
dort warten u kam darum etwas
später in's Trauerhaus. Meine Familie
war damals mit mir unzufrieden
weil ich das Leichenbegängniß still
u einfach bestim̄t hatte, was sie
später als sehr berechtigt anerkannte.
Sie nahmen mir auch die Verspätung
etwas übel. Der Satz auf der Tafel ist
doppelsinnig un heißt nach beiden -
S.
Richtungen: Man soll seine Pflicht gegen
den Toten erfüllen. [Entschudigg,
als ob ich’s nicht gethan hätte,uNachsicht
brauchte – die Pflicht wörtlich genommen.]
Der Traum ist also ein Ausfluß jener
Neigung zum Selbstvorwurf, die sich regel-
mäßig bei den Überlebenden einstellt.Von dem Brautpaar sehe ich wenig
u von der Geschichte habe ich wenig Freude
leider. Er ist nüchterner u ruhiger,
aber seine (u Deine) Schwiegerletern
scheinen nciht viel Geschicklichkeit
im Umgang zu entfalten. Es ist kein
angenehmes Thema zwischen uns,
wen̄ Du lieber willst, sprechen
wir nicht darüber. Es sind ja doch
nur Quärke.Grüß mir I.F u RWF. herzlichst
meine Frau ist vielleicht schon
bei DirDein Sigm
P.S. Wen̄ Martha Geld für
Einkäufe braucht, giebst Du ihr wol Kredit.
Berggasse 19
Wien 1090
Österreich
Von-der-Heydt-Straße 1
Berlin 10785
Deutschland
C26F14