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S.
Dr. Sigmund Freud
IX. Berggasse 19.ord. 3-5 h.
Don̄erstag, 28./8.95
Casa Kirsch, riva degli
schiavoniCarissimo Guglielmo
Der lächerliche Zauber dieser Stadt hat mich bisher
nicht zum Schreiben kom̄en lassen. Es ist nichts
darüber zu reden. Heute ist es unmenschlich heiß,
wofür einen beinahe das Licht entschädigt, Alex.
schläft am Nachmittag, so kann ich schreiben.Wir gedenken am 1 Sept abds von hier, am
3 Sept nachts von Wien abzureisen. Für Berlin, -
S.
auf das ich mich riesig freue, bringe ich eine Bitte mit.
Verzichte darauf, uns beide als Gäste zu empfangen
u geh' uns mit einem Quartier an die Hand. Ich
tue dies nur seinetwegen, er ist scheu, empfindlich
u will von Dir nichts annehmen, was er nicht muß,
da er Dir fremd ist. Ich bekom̄e ihn sonst gar
nicht dazu mitzugehen, u er ist mir theuer u beun-
ruhigt mich. Ich möchte aber weder den Freund
noch den Bruder entbehren. Du kan̄st arbeiten,
u ich werde darauf lauern, Dir jede freie
Stunde wegzunehmen. Auch Deiner lieben Ida -
S.
wegen sträubt er sich energisch, jetzt
gerade Gast zu sein. Ich kan̄ ihm nicht Unrecht
geben. Er lebt ja auch in anderen Menschen-
u Gedankenkreisen, obwol Du bald das Tüchtige
u Noble in ihm finden wirst.So stellt sich eine erste Einschränkg für unser
Idyll her, die sich aber hoffentlich als „Blessing
in disguise“ herausstellen wird. Ich hoffe
Dich so wol zu finden, wie ich selbst jetzt bin
u hoffe so viel bei Dir u mit Dir zu sein. -
S.
daß ich keinen Mangel fühlen werde. Wie erfreut
mich in der Erinnerg der Gedanke an die schwere
Sorge, die den Inhalt meines letzten Besuches
in Berlin bildete.Morgen wird eine gläserne Kleinigkeit aus Venedig
an unsere liebe Hausfrau abgehen, für die ich
um Entschuldigg bitte u Dankbezeugungen nicht
annehme. Es ist ein Detail daran, das bei der
Unbildg meines Geschmacks u der Enge meiner
Macht gegen alle Venetianer Schönheit mich zum
Besitz gereizt hat, u dann habe ich die Verdoppelg
des Genusses durch die Adresse
angestrebt.Herzlichst
Dein Sigm.---
Casa Krisch, riva degli schievoni: Hotel in Venedig, von 1880 an als ›Casa Kirsch‹ geführt, heute: ›Hotel Metropole‹, Riva degli schiavoni 4149 - 30122 VeneziaAlexander: Alexander Freud.
er ist mit theuer und beunruhigt mich: Alexander Freud. siehe dazu Freuds Brief an Fließ von 16.8.1895: „Mein Motiv, mich so zu entschließen, da ich mich für eines entscheiden mußte, war die Sorge um den Jungen, der mit mir die Verantwortung für zwei alte Leute, soviel Frauen- und Kindervolk trägt."
Blessing in disguise: Ein ungliück, das sich im Nachhinein als Segen erweist.
Letzter Besuch: Ostern 1893-
> Siehe dazu Freuds Brief an Minna Bernays vom 17. 4. 1893.
http://www.freud-biographik.de/freud-diarium/: „Freud besucht über Ostern Wilhelm Fließ in Berlin und äußert sich begeistert über dessen Wohnungseinrichtung.“ (Freud 1985c, 33; Jones 1960, 387; Sigmund Freud – Martha Freud, 3.4.1893)
Casa Kirsch
Riva degli Schiavoni
30100 VE
Italien
Von-der-Heydt-Straße 1
Berlin 10785
Deutschland
C26F9