• S.

    Bellevue 16/8/95

    Liebster Wilhelm

    Ich war mehrere Tage in Reichenau
    dan̄ einige Tage unentschlossen, heute
    kan̄ ich Dir sicheren Bericht geben.

    Ich reise zwischen dem 22.-24st. nach Venedig mit
    meinem kleinen Bruder u kan̄ also leider,
    da ich trotz Br. kein Vogel bin, nicht gleichzeitig
    in Oberhof sein. Mein Motiv, mich so zu
    entschließen, da ich mich für eines entscheiden
    mußte, war die Sorge um den Jungen, der
    mit mir die Verantwortung für 2 alte Leute,
    so viel Frauen- u Kindervolk trägt. Er
    ist ein sehr gequälter Neurastheniker, entschlüpft
    meinem Einfluß zu sehr, u ich habe einen
    Vertrag mit ihm geschloßen, demzufolge er
    meine Gesellschaft in Venedig mit seiner
    Begleitg nach Berlin vergilt. Es ist mir
    beinahe wichtiger daß Du ihn als daß Du
    mich in die Hand bekom̄st. Nebenbei
    genieße ich dan̄ den Vortheil, daß ich

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    "Br:": Josef Breuer

  • S.

    in Berlin nicht allein bin, während Du Dich in
    angestrengte Arbeit hineinfindest. Ich kann
    mit ihm wohnen, leben u spazieren gehen,
    soweit unsere Nasen es gestatten. Ich habe
    alles Interesse ihn enger zu fesseln, während
    wir gerade eine Möglichkeit verfolgen
    unsere einzige noch unversorgte Schwester
    (nicht Rosa, die Du kennst) an den
    Mann zu bringen. In den ersten Sept.
    Tagen bin ich dan̄ bei Dir u werde es schon
    im Auge behalten, daß Du trotz aller
    Tätigkeit die volle Theilnahme am
    Privatcongreß zeigst.

    Mit φψω ist es mir seltsam ergangen. Kurze
    Zeit nach meiner alarmirenden, Glückwunsch
    heischenden Mittheilg, nachdem der eine
    Vorgipfel erstiegen war, habe ich mich vor
    neuen Schwierigkeiten gesehen u meinen
    Atem nicht ausreichend für die neue
    Arbeit befunden. Ich habe also, schnell gefaßt,
    das ganze Alphabet hingeworfen u rede mir
    ein, daß ich mich gar nicht dafür interessire.

  • S.

    Es ist mir selbst ein unbehaglicher Gedanke, daß
    ich Dir davon erzählen soll. Sähe ich Dich
    alle 4 Wochen, dan̄ gewiß nicht im September.
    Also, wie Du verlangen wirst, desto mehr
    werde ich mir aber von Dir erzählen
    lassen. Mit meinen neurotischen Neuigkeiten
    gedenke ich aber auch nicht zurückzuhalten.

    Meine Gesellschaft befindet sich hier
    sehr wol in recht vortheilhaften Verhältnißen.
    Meine Frau natürlich etwas unbeweglich
    aber sonst heiter. Mein Sohn Oliver hat
    seine aufs Nächste gerichtete Natur unlängst
    selbst treffend characterisirt. Er hat einer
    begeisterten Tante, die ihn fragte: Oli
    was willst Du werden?«, geantwortet:
    Tante, im Februar 5 Jahre. Auch sonst
    sind sie in ihrer Man̄igfaltigkeit
    sehr amüsant.
    Mit der Psychologie ist es wirklich ein Kreuz.
    Kegelschieben und Schwäm̄esuchen ist jedenfalls
    viel gesünder. Ich wollte ja weiter
    nichts als die Abwehr erklären, aber

  • S.

    erklär' da etwas mitten aus der Natur heraus.
    Ich habe das Qualitätsproblem, den Schlaf
    die Erinnerung, kurz die ganze Psychologie
    durcharbeiten müßen. Jetzt will ich nichts
    mehr davon wissen.

    Die Suppe ist auf dem Tisch, sonst hätte
    ich weiter gejammert.

    Ich hoffe, es geht Euch sehr gut in Thüringen,
    das ich nun nicht sehen soll. Schließlich sollt
    Ihr auch einmal allein mit einander
    sein dürfen, ohne zu arbeiten oder
    krank zu sein. Es ist ohnedieß nicht
    zu oft der Fall gewesen. So habe ich es
    mir endlich zurechtgelegt, daß mein
    Verzicht auf den Oberhof noch ein
    Freundschaftszbeweis für Euch wird.

    Sei herzlich gegrüßt mit Weib und
    Kind u allen Hoffnungen

    von Deinem
    Sigm.