-
S.
8.3.95.
Liebster Wilhelm
Eben Deinen Brief erhalten u in der Lage
ihn gleich zu beantworten. Ich bin zum
Glück endlich klar und beruhigt über
Frl. Eckstein u kann Dir den Bericht geben
über den Du Dich wol ebenso kränken
wirst, wie ich, aber es hoffentlich ebenso
rasch überwinden.Ich schrieb Dir daß Schwellg u Blutg kein Ende
nehmen wollte, daß dann plötzlich Foetor
und Hinderniß beim Ausspülen auftrat.
(Oder letzteres neu?). Ich ließ Gersuny bitte
der ein Drainrohr einsetzte, hoffte, es werde
bei hergestelltem Abfluß wieder gehen, sonst
aber eigentlich sich ablehnend verhielt.
Zwei Tage später weckte man mich des
morgens, es blute wieder so stark, Schmerzen
udgl. Ich erhielt von Gersuny die telephonische
Antwort, er könne erst abends, bat also
Rosanes, mit mir zusam̄enzutreffen.
Das war Mittags. Es blutete mäßig fort aus
Nase u Mund, der Foetor war sehr arg. -
S.
Rosanes reinigte sich die Umgebung der Öffnung,
zog Blutgerinnsel heraus, die anhafteten
u plötzlich zog er an etwas wie einem
Faden, zog weiter an; ehe einer von uns
Zeit zum Überlegen gehabt hatte, war
ein gut ½ Meter langes Stück Gaze
aus der Höhle herausbefördert. Im nächsten
Moment folgte ein Blutstrom, die
Kranke wurde weiß, mit hervorquellenden
Augen u pulslos. Allerdings im nächsten
wieder hatte er frische Jodoformgaze hinein-
gestopft u die Blutung stand, sie hatte
½ Minute etwa gedauert, aber ausgereicht
um das Geschöpf, das wir dan̄ flach nieder
legten, unken̄tlich zu machen. Dazwischen
dh darnach eigentlich geschah noch etwas.
In dem Moment, da der Fremdkörper
herauskam u mir alles klar wurde
u ich gleich darnach den Anblick der
Kranken hatte, wurde mir übel;
nachdem sie ausgestopft war, flüchtete -
S.
ich ins Nebenzimmer, trank eine Flasche Wasser
aus u kam mir kläglich vor. Die tapfere
Doktorin brachte mir dan̄ ein Gläschen
Cognac u ich wurde wieder ich.Rosanes blieb bei der Kranken, bis ich
ihn u sie durch Streitenfels ins Sanatorium
Loew holen ließ. An dem Abend geschah
nichts mehr. Tags darauf di gestern Don̄erstag
wurde unter Assistenz von Gersuny die
Operation wiederholt, weit aufgebrochen
undder Tampon herausgezogen u ausge-
kratzt. Es blutete kaum. Sie ist seither
außer Gefahr, natürlich sehr bleich u
elend mit frischen Schmerzen u Schwellg.
Sie hatte während der Verblutgsszene
ihre Besin̄ung nicht verloren, als ich
etwas wankend ins Zimmer kam, empfing
sie mich mit der überlegenen Bemerkung:
Das ist das starke Geschlecht.Ich glaube nicht, daß mich das Blut über-
wältigt hat; es drängten sich damals -
S.
bei mir die Affekte. Wir hatten ihr also
unrecht gethan; sie war gar nicht abnorm
gewesen sondern ein Stück Jodform-
gaze war Dir beim Herausziehen
abgerißen, 14 Tage lang¿¿ liegen geblieben
u hatte die Heilung verhindert, zum
Schluß losgerissen die Blutung provocirt.
Daß dieses Malheur Dir geschehen konnte,
wie Du darauf reagieren wirst es zu
hören, was die Anderen daraus machen
können, wie unrecht ich gehabt, Dich
zu einer Operation in der Fremde
zu drängen, wo Du nicht nachbehandeln
kan̄st, wie meine Absicht, dem armen
Mädchen das Beste anzuthun, tückisch
vereitelt worden u sich Lebensgefahr
für sie daran geknüpft, dies alles
kam zusam̄en über mich. Ich habe es
jetzt aufgearbeitet. Ich war nicht klar
genug, um auch gleich damals einen -
S.
Vorwurf für Rosanes zu concipiren. Das fiel
mir erst 10 M. später ein, daß er sofort
hätte denken sollen: Da ist etwas darin,
ich ziehe es nicht heraus, sonst kom̄t eine
Blutung sondern stopf noch etwas herein,
fahr mit ihr zu Loew u mache dort Säuberg
u Erweiterg in Einem. Aber er war ebenso
überrascht wie ich.Jetzt nachdem ich es verarbeitet, bleibt
davon nichts übrig als herzliches Mitleid
mit meinem Schmerzenskind. Ich hätte
Dich freilich hier nicht quälen sollen, allein
ich durfte Dir dergl u mehr zutrauen
Du hast es so gut gemacht, als man kann.
Das Abreißen der Jodoformgaze bleibt
unter den Zufällen, die dem glücklichsten
u umsichtigsten Chirurgen passiren, wie Dir
die Geschichte mit dem zerbrochenen
Ringmesser und die Narkose bei Deiner
kleinen Schwägerin. Gersuny sagte, er
hätte schon so eine Erfahrg u darum
nähme er Jodoformdochte anstatt -
S.
Gaze (Du erin̄ert Dich, bei Dir). Es macht Dir
natürlich niemand einen Vorwurf
ich wüßte auch nicht, woher. Und ich möchte
nur, daß Du ebenso schnell wie ich
beim Bedauern anlangst u ver-
sichert bleibst, daß ich nicht nothwendig
hatte, mein Vertrauen in Dich erst
wieder herzustellen. Ich will nur
noch hinzufügen, daß ich mich einen Tag
lang gescheut habe, es Dir mitzutheilen,
dan̄ habe ich begon̄en mich zu schämen
u hier ist der Brief.Daneben verschwinden wol andere Neuig-
keiten. Mit meinem Zustand hast Du
gewiß ganz Recht, merkwürdiger Weise
producire ich nie leichter als unter
solchen leichten Bescherden. Ich schreibe
also jetzt Therapie der Hysterie bogen-
weise.Eine komische Idee anderer Art vertraue
ich Dir erst an, wen̄ wir die Eckstein -
S.
wieder aus dem Kopf haben. Die Influenza
ist hier sehr stark, aber wenig intensiv.
Deine Mama ist auch nicht ganz
beisam̄en.Ich werde Dir bald wieder schreiben
u vor allem über Emma E. genau
berichten. Wissenschaftlich sonst recht
öde, Influenza hat die Praxis des
Specialisten aufgezehrt. Daß Du ordentlich
hergenom̄en warst, weiß ich. Gönn Dir
nur ordentlich Ruhe darnach, ich
bin fest entschlossen, es ebenso zu
halten, wen̄ sie mir widerfährt.Mit herzlichst Gruß
Dein Sigm
Berggasse 19
Wien 1090
Österreich
Von-der-Heydt-Straße 1
Berlin 10785
Deutschland
C26F7