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S.
Dr. Sigm. Freud
Docent für Nervenkrankheiten
a.d. Universität.
Wien,
IX., Berggasse 19.3.II.1901
Theurer WilhelmVor 8 Tagen hat sich Oli mit etwas
gelegt, was ich bald als Masern
herausgestellt hat, gestern sind
Ernst u Sophie, heute Anna dazu-
gekom̄en, so daß wir ein ganz hübsches
Spital beisam̄en haben. Bei Oli
ist es ziemlich gut abgelaufen, die
Anderen sollen sich ja erst bewähren.
Martin haben wir sofort ausquartirt
zu Frau Dr. Bardas, einer sehr lieben
Freundin u Patientin, die einen
einzigen Sohn in demselben Gym-
nasium hat, damit er nicht durch
Wochen die Schule versäumen
muß. Er kom̄t jetzt gerade besser
fort. Mathilde muß zu Hause
bleiben. Minna geht es deutlich
besser, sie ist für einige Stunden
täglich außer Bett; der Puls
zeigt dabei nicht viel über 100;
nachher kom̄en gewöhnlich arge
Herz- und lntercostalschmerzen. -
S.
Ich habe eben die zweite Abhandlung
vollendet, kann sie beide in den
nächsten Wochen corrigiren und
ausflicken u mich dann mit der
gleichzeitigen Unterbringung be-
schäftigen. „Traum u Hysterie" habe ich
Oscar auf seinen Wunsch lesen
lassen, wenig Freude dabei erlebt.
Ich mache keinen Versuch mehr,
meine Isolirung zu durchbrechen.
Die Zeit ist sonst sehr öde, hervor-
ragend öde!Es ist eine Aussicht – unbestim̄baren Grades –
daß ich nächsten Sonntag in Berlin
ankomme, um mich mit einem
Kranken aus Wien, der sich in
einer Privatheilanstalt 1/2 Stunde
von der Stadt befindet, zu beschäftigen
Der Aufenthalt ist auf zwei
Tage berechnet. Ich hoffe also
einige Stunden des Abends bei
Dir zuzubringen u endlich die mir
unbekannten Kinder sehen zu -
S.
können. Mit meiner Freiheit wird es
ja nicht so bestellt sein wie bei
früheren Besuchen in Berlin. Ich soll
auch am zweiten Tag in die Anstalt
hinaus u mir überhaupt die Consultations-
sum̄e ordentlich verdienen. Meine
Schwester, bei der ich absteigen werde,
hat auch Ansprüche an mich. Folglich
wird wenig für uns übrig bleiben
u ich bitte Dich, mir zu Liebe keine
Störung in Deinen Arbeiten und Ge-
schäften eintreten zu lassen. Trotzdem
steht mir der Besuch als etwas
sehr Erfreuliches vor der Seele.
Er ist nur noch mit ziemlicher Unsicher-
heit behaftet, die Absicht des Vaters
des Pat. steht noch nicht fest, und
in der ganzen Sache steckt als
proton pseudos, daßdermeine
ärztliche Einmengung ziemlich über-
flüssig ist. Gerade wegen dieser
Unsicherheit schreibe ich davon; wüßte
ich es sicher, so hätte ich Dich gerne
überrascht. So gönne ich Dir -
S.
das Vergnügen der Erwartung, mit
dem mich zu begnügen ich auch
bereit bin. Theilte ich Dir die Aussicht
nach ihrem Fehlschlagen mit, so wäre
es nichts als Enttäuschung. Im
Falle der Verwirklichung erhältst
Du natürlich nähere Nachricht.Ich grüße Dich u Deine liebe
Frau herzlich in Erwartung
der nächsten Zukunft
Dein Sigm
Berggasse 19
Wien 1090
Österreich
Von-der-Heydt-Straße
Berlin 10785
Deutschland
C28F2