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S.
Wien 8. Nov 95.
Liebster Wilhelm
Deine langen Briefe zeugen mir
von Deinem guten Befinden. Möge
beides – Symptom u Ursache – keine
Unterbrechg mehr erfahren. Mir (um
daran nicht zu vergeßen u nicht mehr davon
sprechen zu müssen) geht es seit den
letzten 2 Wochen unvergleichlich besser.
Die complete Abstinenz habe ich nicht
durchführen können, bei meiner Belastg
mit theoretischen u praktischen Sorgen
war die Steigerg der psychischen Hyper-
aesthesie nicht auszuhalten. Ich halte
mich sonst an die Vorschrift, nur am
Tage von Luegers Nichtbestätigghabe
ich aus Freude exzediert.Meine Briefe werden jetzt viel von
ihrem Inhalt verlieren. Ich habe die
psychol. Manuscr. gepackt u in
eine Lade geworfen, wo sie bis 1896 -
S.
schlum̄ern sollen. Das kam so: Ich legte
die Psych zunächst bei Seite, um Raum
für die Kinderlähmgen zu gewinnen,
die bis 1896 fertig sein sollen.
Daneben – begann ich Migraine. Die
ersten Erörtergen führten mich zu
einer Einsicht, die wieder an das weg-
geschobene Thema erin̄erte und ein
gutes Stück Umarbeitg erfordert
hätte. In dem Moment empörte
ich mich gegen meinen Tyran̄en.
Ich fand mich überarbeitet, gereizt,
verwirrt u unfähig, die Dinge zu
meistern. Da warf ich Alles weg.
Es thut mir nun leid, daß Du
aus jenen Blättern ein Urtheil
schöpfen sollst, das meinem Sieges-
jubel recht giebt, was Dir doch
schwer fallen muß. Plag Dich
nicht weiter. Hoffentlich kann ich
die Sache nach 2 Monaten klarer -
S.
machen. Die klinische Lösg der Hy bleibt
aber bestehen, sie ist hübsch u einfach;
vielleicht raffe ich mich auf, sie Dir
nächstens zu schreiben.10. XI. Ich schicke Dir gleichzeitig die
Krankengeschichten über Nase u Sexus
zu. Brauche nicht zu sagen, daß ich mit
Deiner Absicht voll einverstanden bin
Dießmal findest Du wenig von mir,
einige rote Striche. Hoffentlich doch
mehr, wenn ich den theoret. Theil lese.
Deine sexualchem. Hypothesen haben mich
wirklich gefesselt. Hoffentlich machst
Du damit noch Ernst.Ich stecke ganz in den Kinderlähmgen,
die mich gar nicht interessiren. Seitdem
ich die Ψ weggelegt, bin ich wie ge-
schlagen u ernüchtert, ich glaube gar
kein Recht auf Deinen Glückwunsch
zu haben. -
S.
Es fehlt mir jetzt etwas.
Unlängst im Doktorenkollegium hat
Breuer eine große Rede auf mich
gehalten u sich als bekehrten Anhänger
der Sex.aetiologie vorgestellt. Als ich
ihm privatim dafür dankte, zerstörte
er mir das Vergnügen, indem er
sagte: Ich glaub' es ja doch nicht. Ver-
stehst Du das? Ich nicht.Martha leidet schon recht erbärmlich.
Ich wollt', es wäre vorüber.
Neurotisch gibt es sehr viel Interessantes,
aber nichts Neues, nur Bestätiggen.
Ich wollte, wir könnten darüber
sprechen.Mit herzlichsten Grüßen für
Dich, Mutter und (Kind)
Dein Sigm
Berggasse 19
Wien 1090
Österreich
Von-der-Heydt-Straße 1
Berlin 10785
Deutschland
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