• S.

    Dr. Sigm. Freud
    Dozent für Nervenkrankheiten
    a. d. Universität.
    Wien, ...................
    IX., Berggasse 19

    9. Febr 98
    Teurer Wilhelm

    Ich habe also recht gerathen u gratulire
    Dir zur Vermehrg Deines Beobachtgs-
    materiales u zur Gelegenheit allerlei
    vorherzubestim̄en – nebst allem
    Anderen. Hoffentlich freut sich Ida
    ebensosehr, wenn die jetzige Leidens-
    zeit vorüber ist. Mega ist sehr wol u doch
    sehr liebenswürdig, ich bin entschieden
    parteiisch für sie. – Deinen letzten A und P-
    Proben sind einfach unheimlich. Es ist
    doch wol nicht das besondere Glück,
    daß Du in diese Familie hineinge-
    heiratet hast, sondern Andere ergeben
    ähnliches.

    Die Reduktion unserer Osterreise ent-
    spricht dem allgemeinen Rückgang dieses
    Jahres. In den rechten Freudenrausch gerathe 
    ich doch nur fern von Madrid! Das
    Wesentliche, die paar Stunden Beisam̄en-
    sein bleibt aber doch gesichert. 

  • S.

    Ich war Sonntag auf Consultation in Ungarn,
    wo einen 50j. Dame behauptet, sie ginge auf
    hölzernen Rollen, ihre Glieder seien schlaff
    wie die einer Giederpuppe, sie werde
    bald anfangen, auf allen Vieren zu kriechen.
    Im Übrigen bin ich ohne jeden Grund
    glänzend aufgelegt, u habe mein Tages-
    interesse gefunden. Ich bin tief im Traum-
    buch, schreibe es fließend u freue
    mich in Gedanken übe an all das „Schütteln
    des Kopfes" über die Indiscretionen
    u Vermessenheiten die es enthält.
    Wen̄ man nicht auch lesen müsste! Das
    bißchen Literatur ist mir schon so zuwider.
    Das einzige vernünftige Wort ist dem
    alten Fechner in seiner erhabenen Einfalt
    in den Sinn gekom̄en. Der Traumvorgang
    spielt auf einem anderen psychischen Terrain.
    Die erste rohe Karte dieses Terrains
    werde ich mittheilen.

    Ich schicke Dir heute eine lange fertige
    Nummer der Δρ., die ich vielleicht wegen
    des exemplarisch schönen Traumes
    bald wiederfordern werde. In allem
    übrigen bin ich über Latenzen nicht

  • S.

    hinaus. Selbstanalyse ruht zu Gunsten des
    Traumbuches. Die Hy fälle gehen sogar
    schlecht voraus. Ich werde auch in diesem
    Jahr keinen zu Ende bringen; fürs nächste
    bin ich dann ganz ohne Patientenmaterial.
    Den „Gartenlaubenartikel" habe ich heute
    zu Ende gebracht. Er ist ziemlich frech u 
    wesentlich dazu bestim̄t, ein Ärgerniß 
    zu geben, was ihm auch gelingen wird.
    Breuer wird sagen, ich hätte mir sehr geschadet.

    Einem Gerücht zufolge sollen wir zum
    Kaiserjubilaeum 2 Dez mit dem Titel von
    Professoren bekleidet werden. Ich glaube
    nicht daran, habe aber einen reizenden
    Traum darüber gehabt, der leider nicht
    publicirbar ist, weil sein Hintergrund, sein
    zweiter Sinn zwischenmeiner Amme
    (meiner Mutter) u meiner Frau hin
    u hergeht u man seiner Frau für
    alle ihre Mühe u Plage doch nicht öffent-
    lich derartige Vorwürfe machen kann.
    Überhaupt: Das Beste, was Du weißt etc.

  • S.

    Zola hält uns sehr in Athem. Der brave
    Kerl, das wär' einer, mit dem man sich
    verständigen könnte. Das lausige Benehmen
    der Franzosen hat mir Deine Bemerkgen
    auf der Breslauer Brücke über Frank-
    reich's Verfall, die mir anfangs unan-
    genehm waren, in's Gedächtnis gerufen.
    Das Auftreten Schweninger's! hier im
    Redecircus war eine arge Blamage.
    Ich war natürlich nicht dabei. Dafür
    habe ich mir das Vergnügen gegönnt 
    unseren alten Freund Mark Twain
    leibhaftig zu hören, was ein großer
    Genuß war.

    Leb recht wol u grüß' mir
    Deine ganze gegenwärtige
    u zukünftige Familie
    Dein Sigm